Kolumne Was tun bei Kopfweh im Stau?
Forscher haben 40 Berufspendlern über mehrere Monate hinweg einen sogenannten „Mobilitätsberater“ zur Seite gestellt. Mit dem Ergebnissen, dass die meisten von ihnen auf andere Verkehrsmittel umgestiegen sind.
Forscher haben 40 Berufspendlern über mehrere Monate hinweg einen sogenannten „Mobilitätsberater“ zur Seite gestellt. Mit dem Ergebnissen, dass die meisten von ihnen auf andere Verkehrsmittel umgestiegen sind.
Manchmal hilft gegen den Stau nur noch eine Schmerztablette. „Wenn viel Stress ist, begann mein Tag ganz oft mit einer Ibuprofen. Also gerade wenn man im Stress ist oder wenn man zu spät kommt und wenn Staus sind.“ Das gab ein Teilnehmer eines Forschungsprojekts zum Pendeln in der Region Frankfurt/Rhein-Main zu Protokoll. Ein anderer berichtete von Tagen, an denen einfach gar nichts mehr gehe. „Da will man einfach nur aus dem Auto rausbrüllen und alle am besten anhupen und alles Mögliche.“
Solche Gefühle dürften auch Pendler im Südwesten kennen. Baden-Württemberg zählt regelmäßig zu den Stau-Hotspots in Deutschland. Was tun gegen den Stress, das Kopfweh, die Wut im Stau? Diese Frage haben sich Luca Nitschke und andere Forscher des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main gestellt. Sie haben 40 Berufspendler im Frankfurter Umland, die bis jetzt mit dem Auto pendeln, zu ihrem Pendelweg befragt. Anschließend konnten die Teilnehmer über mehrere Monate hinweg Alternativen testen. ÖPNV, ein E-Bike oder ein E-Auto ausprobieren? Die Teilnehmer hatten die Wahl. Die Kosten übernahm das Forschungsinstitut.
Wenn es gelingen könnte, Pendeln nachhaltiger zu machen, hätte das nicht nur Auswirkungen auf Kopfschmerzen im Stau. Es würde auch helfen, Klimakatastrophen vorzubeugen. Veränderungen im Verkehr sind einer der großer Hebel, um den Ausstoß von Treibhausgasemissionen zu senken. Der Verkehrssektor verursacht in Deutschland etwa ein Fünftel der Treibhausgasemissionen. 2019 war sein relativer Anteil laut Bundesumweltamt sogar höher als 1990. Wer das Auto stehen lässt, tut ganz unmittelbar etwas fürs Klima. Das weiß im Prinzip jeder – aber dieses Wissen nicht reicht nicht, um Routinen zu verändern. Für viele Berufspendler dauert die Fahrt mit dem ÖPNV länger. Bus, Bahn oder Fahrrad klingen zudem häufig nach Anstrengung. Zweifelsohne ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs unabdingbar. Doch die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Pendellabor“ im Frankfurter Umland zeigen ein paar Punkte auf, an denen Politik und Arbeitgeber sofort ansetzen könnten – ohne erst auf große Infrastrukturveränderungen zu warten.
Erstens, kleine Dinge sollten nicht unterschätzt werden. Zum Beispiel empfehlen die Forscher basierend auf den Aussagen der Befragten mehr Aufbewahrungsboxen und Supermärkte direkt an den Bahnhöfen. Wer seine Sportsachen nicht mit in die Bahn schleppen muss, sondern sie auf dem Heimweg vor dem Fitnessstudio gemütlich am Gleis abholt, lässt das Auto leichter stehen.
Zweitens, die Arbeitgeber sind wichtig. Jobtickets und Gleitzeit spielen als Anreiz zur Veränderung eine Rolle, so die Studie. Und vielleicht könnten auch Probeangebote helfen? Denkbar zum Beispiel: Eine Firma kauft ein E-Bike und verleiht es wochenweise an Angestellte, die das Rad für ihren Arbeitsweg mal ausprobieren wollen.
Drittens, Beratung hilft. Bevor die 40 Pendler aus dem Forschungsprojekt Alternativen zum Verbrenner getestet haben, sprachen sie eine Stunde lang mit einem Mobilitätsberater. Verschiedene Optionen wurden durchgespielt, ganz konkrete Routen und mögliche Kombinationen von Verkehrsmitteln. Denn das Pendeln ohne Verbrenner erfordert Können, das nicht unbedingt zum Effeff des Alltagslebens gehört. Im Vergleich zu anderen Fortbewegungsmitteln werde das Autofahren in Deutschland wie ein Kulturgut vermittelt, so Forschungsleiter Luca Nitschke. Zum Beispiel spielen viele Kinder schon von klein auf mit Autos. „Sich die Kompetenz für alternative Verkehrsmittel selbstständig anzueignen ist für viele Menschen mitunter sehr mühsam, eine regelrechte Überforderung, die sie letztlich davon abhält, etwas zu verändern“, schreibt Forschungsleiter Luca Nitschke.
Dabei geht es um recht banale Dinge: Welche Kleidung ist am praktischsten, um zur Arbeit zu radeln? Wie transportiere ich den ganzen Kram, der sonst im Kofferraum liegt? Gibt es womöglich eine ÖPNV-Verbindung, die in Kombination mit dem Fahrrad schneller wäre, aber in der App meiner Verkehrsfirma gar nicht angezeigt wird, weil die App nur Fußgänger kennt?
Es sei wichtig zu verstehen, dass solche Kompetenzen tatsächlich neu erlernt werden müssten, so Nitschke. „Teilnehmende haben uns oft davon berichtet, dass sie sich ohne die Teilnahme am Experiment nicht aufgerafft hätten.“
Das Ergebnis des Projekts: Fast drei Viertel der Teilnehmer stellten ihrer Pendelalltag um. 15 von 40 – die größte Gruppe – pendelten zum Beispiel statt ausschließlich per Auto mit einem Mix aus Verkehrsmitteln, sechs nutzten ganzjährig ein E-Bike, zwei den öffentlichen Nahverkehr. Neun von 40 kauften sich ein eigenes E-Bike, weitere vier planen es. Acht Menschen veränderten nichts. Ihnen bleibt zu wünschen, dass die Kopfschmerztabletten stets griffbereit sind.