Kolumne Weberei Endstation Engländer

Von  

Unser Kolumnist Mirko Weber geht nach den österreichischen Nationalratswahlen in Wien eine Suppe essen – und landet, wie so oft, beim Fußball. Bericht von einem typischen Wiener Kaffeehauserlebnis.

Wer bleibt am Ball? Seltsam, wie sich der Fußballsprech durchgesetzt hat. Foto: dpa
Wer bleibt am Ball? Seltsam, wie sich der Fußballsprech durchgesetzt hat. Foto: dpa

Wien - Bälle, wohin man schaut. Metaphorisch gesprochen. Der Ball liegt bei Angela Merkel, liest man. Oder bei Werner Faymann, Wiener Kollege in gleicher Funktion. Bei ihm liegt auch ein Ball. Was sollen sie machen? Regierungen bilden, was sonst? Sogar beim Papst, der derzeit die Kirche umbauen will, liegt ein Ball.

Jedenfalls hat sich ziemlich überall dieser seltsame Fußballsprech durchgesetzt, den man bei Edmund Stoiber („Das ist, das ist, das ist Champions-, äh, League, ist das . . .“) immer für eine persönliche Marotte gehalten hatte. Später Sieg für ihn.

Nichts gegen Bälle. Geben Sie mir einen Fuß-, Tennis-, Volleyball – und ich bin im Spiel. In unserer ersten Eltern-Kinder-Gruppe in Stuttgart, lange her, gab es eine Französin, die mit herrlichem Akzent immer ganz leicht genervt: „Ah, Mirko, der Ball, der Ball, der Ball . . .“ rief, wenn ich wieder in der Sandabteilung saß und dem Nachwuchs die Kugel zukullerte. Heute sind die meisten von ihnen im oberen Ligabetrieb zu finden. Okay, lassen Sie mich halt auch mal ein bisschen übertreiben.

Nichts geht’s über ein Bier und eine Grießnockerlsuppe

Am letzten Sonntagabend allerdings dachte ich, dass mir einer auch drei Bälle hätte geben könnte. Groß bewegt hätte ich mich nicht mehr. Der neue Wiener „Hamlet“ und die gefühlt gleich anschließenden österreichischen Nationalratswahlen forderten, wie es in der altmodischen Fußballsprache jetzt heißen würde, ihren Tribut. Ich zollte ihn im Café Engländer, stellte auf Stand-by, trank Gösser und aß eine Grießnockerlsuppe. Für meinen Teil würde ich sagen, dass es nicht viele vergleichbare Dinge gibt, die einem so schnell wieder die Welt ins Lot bringen wie ein Bier und ein Teller Grießnockerlsuppe. Aber sie muss dann auch gemacht sein wie im Engländer.

Dessen Namensgeber, Ferdl Engländer, war ein Typ, der – im Gegensatz zu seinen Gästen – so gut wie alles im Leben an sich vorbei laufen ließ, außer Billardkugeln. Er war vermögend und konnte sich das leisten. Das war in den dreißiger Jahren. Damals hieß das Engländer aber gar nicht nach ihm, so heißt es erst sei 1991 (weil’s besser klingt), sondern Café Windhaag. Das ist dann immer mehr heruntergekommen, wie man so sagt. Heute aber stehen hier Stühle respektive Sessel, die anderswo im Museum ausgestellt werden, und die Ober sind mindestens so gut angezogen wie die Mehrzahl der Gäste. Im Übrigen beherrschen die Ober die oberste Obertugend: sie verziehen (bis auf einen) keine Miene, sollte man je nur einen Kaffee bestellen.

Fußball ist nie Nebensache, na ja, fast nie

Also saß ich im Engländer, löffelte Suppe und schaute Löcher in die Luft. Dann beschloss ich, doch noch eine Sonntagszeitung vom Tisch zu holen. Irgendwie schien mir die Zeit aus den Fugen. Seit Jahrzehnten ist es nicht vorgekommen, dass ich am Sonntagabend nicht die Ergebnisse der Samstagsspiele der Bundesliga wusste. Nur einmal, aber da war ich in Angola, und in Angola war Bürgerkrieg, da blieb Fußball tatsächlich Nebensache.

Ich las schnell quer über alles drüber – und kaufte dem gerade erschienenen Zeitungshändler gleich eine Montagsausgabe ab. Als ich damit durch war, sagte meine Vernunft, dass es Zeit zu gehen sei. „Lass diesen Ball an dir vorübergehen!“, sagte die Vernunft. Dann aber fiel mein Blick auf die sensationell gruppierten drei Fernseher über der Theke, die niemals etwas anderes als Sport zeigen. Rechts lief eine Aufzeichnung des Nachmittagsspiels. Neustadt wurde von Ralf Rangnicks Salzburger Bullen 8:1 abgefieselt. Das sieht man, dachte ich, auch nicht alle Tage . . .