ARD-Serie über Franz Kafka Der Kafka als Kasperl

Szene aus der ARD-Miniserie „Kafka“ hier mit Liv Lisa Fries als Milena Jesenska und Joel Basman in der Hauptrolle als Franz Kafka. Foto: dpa

Bei der ARD-Serie „Kafka“ gehen die Meinungen auseinander. Während unser Literaturkritiker begeistert ist, kann unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn nichts Gutes an der Serie finden.

Wenn sie traurig ist, tröstet sie sich mit einer alten Folge des Kinderhörspielklassikers „Pumuckl“. Witze und Kalauer, die sie selbst amüsieren, wiederholt sie so lange, bis ihre nähere Umgebung verzweifelt. Fahrrad fahren kann sie nicht, egal, wie sie sich anstrengt, sie bietet dabei einen kläglichen Anblick. Sie kann rechts und links nicht unterscheiden, keine Karten lesen und verläuft sich oft, sogar in vertrauten Gegenden. Oft stellt sie sich vor dem Haus eines nahen Verwandten auf den Gehweg und bellt so lange, bis jemand ein Fenster öffnet, und das am helllichten Tag.

 

Nur auf die Macken konzentriert

All diese verschrobenen Angewohnheiten weist eine weibliche Person aus meinem näheren Bekanntenkreis auf, deren Namen ich natürlich nicht nennen will. Nur so viel: die Frau ist weder verrückt noch auf den ersten Blick eine komische Figur. Ausgedacht habe ich sie mir auch nicht, sie existiert. Trotzdem hat man nach meiner Aufzählung ihrer Eigenarten keinen geistig gesunden Menschen vor Augen. Kein Wunder, ich habe mich ja ausschließlich auf ihre Macken konzentriert. Dadurch ist eine bellende, vom Rad hagelnde, orientierungslose, nervtötende kindische Frau vor dem geistigen Auge eines jeden Lesers, jeder Leserin erschienen.

Eben diesen Weg hat die allseits gelobte ARD-Serie „Kafka“ gewählt. Dank ihres Regisseurs David Schalko und des Drehbuchs von Daniel Kehlmann werden zahllose Menschen im In- und Ausland den Schriftsteller als einen keckernd lachenden, jeden Bissen 40mal durchkauenden, todesankündigenden Husten ausstoßenden Puffgänger und Versicherungsfritzen zu kennen glauben, der gruselige, undurchsichtige Stories verfasste und einen an der Waffel hatte. Wie sie halt so sind, diese Künstler.

Langweilig, platt, dämlich

Jede in der Serie gezeigte Eigenheit Kafkas, angefangen vom Sound seines Gelächters, ist historisch verbürgt. Doch der ARD-Kafka besteht nur aus Marotten oder uns exotisch erscheinenden Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts wie der Initiation braver Bildungsbürgerburschen im Bordell. Eine Heiligenlegende mit Kafka in der Hauptrolle habe ich nicht erwartet, auch kein braves Biopic. Aber eben kein einseitiges Kasperltheater. Immer wieder musste ich an Börne und Thiel im beliebten Tatort Münster denken. Die sind lustig, klar. Aber auch verdammt eindimensional, stets programmiert auf den nächsten Klamauk. Und beim Tatort Münster bin ich wenigstens nicht ständig vor Langeweile eingepennt. Lag vielleicht daran, dass mir Kafkas Job bei einer Unfallversicherung bekannt war. Oder an der onkelhaft witzig gemeinten Erzählerstimme aus dem Off. An Eidingers raunendem Rilke. Am schlimmsten: die platten Darstellungen der eingewobenen Werke. Unfassbar dämlich der knisternde Riesenkäfer. Unfassbar traurig und lahm die Foltermaschine aus der ‚Strafkolonie‘. Prag ist eben nicht Münster.

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