Kolumne zur Fußball-WM 2018 Freiheit für Gündogan

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Der einzige, der die deutsche Nationalmanschaft jetzt noch retten kann, ist der feingeistige Dirigent von Manchester City mit seiner Pep-Guardiola-Grandezza.

Ilkay Gündogan muss uns bei der WM retten. Foto: dpa
Ilkay Gündogan muss uns bei der WM retten. Foto: dpa

Stuttgart - Auch nach einer Woche intensiver Studien sämtlicher TV-Experten, Analysen und Orakel von Delphi kann mir immer noch keiner die herz- und fantasielose Ansammlung von Einzel­spielern umfänglich erklären, die sich am vergangenen Sonntag als deutsche Nationalmannschaft verkleidet hatte.

Liegt es daran, dass der DFB im Zuge der Bierhoffisierung des deutschen Fußballs mittlerweile sogar die Vokale verkauft? #ZSMMN und doch so alleine schlurften die Helden über den Platz, die einst die Leichtigkeit des Sommermärchens in wunderschönen Fußball übertragen hatten. Was war das doch für eine Rasselbande, die zum Beispiel 2010 in Südafrika zauberte!

Die Geschichte der Sommermärchen-Spieler ist endgültig auserzählt

Diese Ära scheint nun auserzählt. Thomas Müller thomasmüllert schon lange nicht mehr. Khedira wirkt wie ein gealterter Gladiator, dem selbst eine Doppelherz-Infusion nicht mehr helfen kann. Und Toni Kroos ist inzwischen 374-facher Champions-League-Sieger, da will man Urlaub auf Hawaii statt Landschulheim in Watutinki.

Die Art, wie die Niederlage gegen Mexiko analysiert wurde, steht auch für die ungute Entwicklung in diesem Land. Alfred Draxler, der Horst Seehofer des Sportjournalismus, wies etwa darauf hin, dass ein Großteil der Mannschaft die Nationalhymne nicht mitsingt. Klar, dass man so keinen deutschen Blumentopf gewinnen kann! Ob Draxler weiß, dass wir 2018 haben?

Der Grund für Özils Körpersprache: Schilddrüsenunterfunktion

Das völlig überzogene Özil- und Gündogan-Bashing ist ein weiterer Beleg für die seltsame Stimmung im Land. Klar war das Foto mit dem türkischen Despoten totaler Quatsch. Die beiden aber bis ans Ende ihrer Tage vom geistigen Stammtisch aus anzufeinden, wird die weiteren Chancen bei der WM womöglich auch nicht erhöhen.

Bei Mesut Özil liegen die Gründe für seine lasche Körpersprache, mit der Deutschland vor vier Jahren übrigens Weltmeister geworden ist, auf der Hand: Schilddrüsenunterfunktion. Der große Poet Funny van Dannen singt in seiner Hymne auf die Hypothyreose: „Wenn wir Fußball spielten, musste ich immer ins Tor. / Und meistens war es so, dass meine Mannschaft verlor. / Und soll ich euch mal was sagen? Es war mir scheißegal. / Denn bei Schilddrüsenunterfunktion ist das total normal.“ Bei Özil äußert sich die Krankheit übrigens durch Zauberfuß an hängender Schulter.

Nur Gündogan kann uns jetzt noch retten

Der Einzige, der uns jetzt noch retten kann (neben Marco Reus), ist Ilkay Gündogan. Der feingeistige Dirigent von Manchester City muss mit Pep-Guardiola-Grandezza der Mannschaft wieder Flow und Rhythmus schenken. Ilkays älterer Bruder Ilker, der an der Ruhr-Universität Bochum zur Politik Ostasiens forscht, hat in einem bemerkenswerten Beitrag für „China Football 8“ noch einmal an den Satz des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier erinnert, dass es Heimat auch im Plural gibt. Eine Ausprägung dieser verschiedenen Heimatformen ist in Gündogans Fall eindeutig der Rasen. Führt der Regisseur aus dem Ruhrgebiet Deutschland gegen Schweden zum Sieg, wäre das ein erster wichtiger Schritt in der Rückbesinnung auf die Leichtigkeit des Sommermärchens.