Kommentar Ein Trauerspiel in Beton
Der Fellbacher Schwabenlandtower geht in sein achtes Jahr des Stillstands. Ob irgendwann Bewohner einziehen können, scheint offener denn je, meint unser Autor Dirk Herrmann.
Der Fellbacher Schwabenlandtower geht in sein achtes Jahr des Stillstands. Ob irgendwann Bewohner einziehen können, scheint offener denn je, meint unser Autor Dirk Herrmann.
Der Tower? Ach ja, da war doch mal was. In Fellbach taugt diese ewige Baustelle für die wenigsten noch als Aufregerthema. Man hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass einer der höchsten Wohntürme der Republik seit bald acht Jahren im Rohbau-Status verharrt.
Seit der Pleite des ersten Investors gab es zwar weitere forsch auftretende Immobilienmanager aus Topetagen ambitionierter Konzerne, die versprachen, das Projekt zu Ende zu bringen. Tatsächlich wurde auch bereits zweimal ein Riesenkran mit 120 Metern Höhe aufgebaut – um dann einige Wochen später doch wieder sang- und klanglos von der Bildfläche zu verschwinden.
Sichtbare Fortschritte konnten am Wolkenkratzer nicht beobachtet werden. Wer am östlichen Stadteingang von Fellbach etwa nachts bei Neumond zu Fuß unterwegs ist, erkennt in der Dunkelheit das mächtige Gebäude mit seinen 34 Stockwerken kaum. Nur die roten Warnblinklichter ganz oben in 107 Metern Höhe blinken jede Nacht vor sich hin, auf dass auch ja kein Flugzeug gegen das Betongerippe knallt.
Womöglich liegt eben doch der schon öfter beschworene Fluch auf dem Areal, das früher Fromm-Gelände genannt wurde und seit drei Jahrzehnten nur Pleiten und Bauruinen produziert. Der Anfang der 1990er Jahre unvollendete Hotelbau ließ sich allerdings problemloser beseitigen, als es jetzt bei einem teuren Abbruch eines Wolkenkratzers wäre. Jupp Schmitz’ Faschingshit von 1949 könnte auch im aktuellen Fellbacher Karneval inbrünstig gesungen werden: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld?“
Dass die Stadt jedenfalls das Projekt nicht übernehmen kann, liegt auf der Hand: Wo sollte die Knete dafür im ausgemosteten Stadtsäckel herkommen, wer sollte die Fertigstellung der 194 Wohnungen samt anschließender Vermietung auch personell und organisatorisch stemmen?
Doch so müde oder gleichgültig mittlerweile große Teile der Bevölkerung auf den Tower blicken, so wenig können und dürfen sich die Entscheidungsträger im Lokalparlament und Rathaus mit der Perspektive einer dauerhaften Bauruine anfreunden – auch wenn ihnen bei diesem Privatprojekt wenig bleibt außer zaghaftem Zweckoptimismus.
Nun versucht die Adler Group seit ihrer Ausstiegsankündigung einen Nachfolger zu generieren. Das hat bisher keinen Erfolg gezeitigt. Vor einem Jahr kommentierten wir den angekündigten Abschied des Investors mit der Titelzeile: „Der Nächste, bitte!“ Mittlerweile kann man in Fellbach froh sein, wenn es überhaupt einen Nächsten gibt.