Stuttgarter Wissenschaftsfestival Wer forscht, gewinnt
Über Stuttgart als Hightech-Standort reden viele, über den Forschungsstandort viel zu wenige. Das muss sich ändern, fordert Erik Raidt anlässlich des ersten Stuttgarter Wissenschaftsfestivals.
Über Stuttgart als Hightech-Standort reden viele, über den Forschungsstandort viel zu wenige. Das muss sich ändern, fordert Erik Raidt anlässlich des ersten Stuttgarter Wissenschaftsfestivals.
Stuttgart - Die typische baden-württembergische Universitätsstadt? Tübingen selbstverständlich, Heidelberg, natürlich Freiburg. Moment, eine Stadt wäre fast in Vergessenheit geraten: Stuttgart. Fragt sich nur, weshalb. In der Landeshauptstadt besuchen mehr als 60 000 Studenten Seminare an 25 anerkannten Hochschulen. Universitäten und Unternehmen melden jährlich rund 3600 Patente an – damit belegt die Stadt Platz zwei im europaweiten Vergleich. Und dennoch: Über Stuttgart als Hightechstandort reden alle – über Stuttgart als Forschungsstandort reden viel zu wenige.
Deshalb bietet das erste Stuttgarter Wissenschaftsfestival, das am Mittwoch beginnt, zwei Chancen, die die Stadt und ihre Forschungseinrichtungen nutzen sollten. Die erste Botschaft muss sich an die Stadtgesellschaft richten: Wissenschaft sollte gerade in Zeiten von Fake-News – der gezielten Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten – den Menschen besser als bisher erklären, wie sie forscht und zu ihren Ergebnissen gelangt. Dazu hat sie nun bis zum 6. Juli bei 80 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet die Gelegenheit.
Nie zuvor war die Wissenschaft mit Blick auf den Alltag der Menschen stärker gefragt als heute. Egal, ob es um den Klimawandel oder um mögliche Gesundheitsgefahren durch Feinstaub oder 5G-Mobilfunk geht – Forscher haben in einer hochkomplex gewordenen Welt die Aufgabe, ihre Arbeit mit der Lebenswirklichkeit der Menschen in Verbindung zu bringen und gegebenenfalls eigene Zweifel einzuräumen. Nur so leisten sie einen echten Beitrag zur Aufklärung.
Die zweite Botschaft des Wissenschaftsfestivals sollte sich nach außen richten. Trotz der beeindruckenden Zahlen gelingt es Stuttgart viel zu selten, sich als jene Wissensmetropole zu verkaufen, die sie zweifellos ist. Das Land, die Stadt und die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren in den Forschungsstandort enorm investiert – der Forschungscampus in Stuttgart-Vaihingen beispielsweise boomt. Techniknahe Wissenschaft wie jene der Fraunhofer-Institute oder des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnologie zeigt die Stärken der hiesigen Forschung deutlich auf: Der Geist der Hochschulen ist eng mit dem Geld der Firmen verbandelt.
Dafür lohnt es sich, neue Wege zu gehen, die über Fächergrenzen oder Standortfragen hinausführen. Ein baden-württembergischer Leuchtturm ist das 2016 gegründete Cyber Valley. Das Land hat seinerzeit eine Allianz von Forschungsgruppen mit Firmen wie Daimler und Bosch geschmiedet. Seitdem sind neue Zentren und Lehrstühle in der Region Stuttgart-Tübingen geschaffen worden, die an der Künstlichen Intelligenz und der Robotik forschen. Prompt hat es im grünen Tübinger Milieu Ärger gegeben, weil auch Amazon Teil der Kooperation wurde.
Doch mit dem Cyber Valley ist Baden-Württemberg genau jener Impuls geglückt, der für die Zukunft der Wirtschaftsregion unerlässlich ist: Der Neckarraum konkurriert weltweit mit Kalifornien ebenso wie mit China darum, wie Mobilität künftig funktionieren soll. Welche Antriebskonzepte werden sich durchsetzen? In welchem Umfang dürfen Automobilhersteller die Daten ihrer Kunden erfassen und wirtschaftlich nutzen? Und wie lassen sich die Risiken beim autonomen Fahren verringern?
Nur wer dabei in der Forschung in der Weltspitze mitspielt und dies offensiv kommuniziert, wird beim Wettbewerb um die klügsten Köpfe bestehen. In diesem Sinn kann das Wissenschaftsfestival eine Position verdeutlichen: Die Fragen von morgen werden in der Region Stuttgart beantwortet. Wissen ist Macht – und macht Spaß. Auch dies soll das Festival im übrigen beweisen.