Kommentar zu Sexkaufverbot Prostitution muss verboten werden

Eine Begegnung auf Augenhöhe? Foto: dpa

In der Verfassung ist die Menschenwürde das höchste Gut. Ein Verbot der Prostitution würde helfen, diesen Grundsatz in die Realität umzusetzen, meint die StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Darf eine moderne, liberale, tolerante und – auch sexuell – aufgeklärte Gesellschaft Männern und Frauen die Mündigkeit absprechen und ihnen verbieten, Anbieter oder Käufer von bezahltem Geschlechtsverkehr zu werden? Man muss es so technisch formulieren, denn es geht bei Prostitution nicht um „käufliche Liebe“. Und mit romantischem Liebeswerben hat der Kauf einer Frau durch einen Freier auch nichts zu tun. Es gibt viele dieser beschönigenden Formulierungen, die an der Brutalität und der Wirklichkeit des käuflichen Akts vorbeigehen.

 

Die erdrückende Mehrheit der Frauen arbeitet nicht freiwillig in der Prostitution. Ihrer Zahl kann man sich zwar nur annähern, doch gehen Schätzungen von 250 000 bis einer Million Frauen aus, die als Prostituierte in Deutschland arbeiten. Die Mehrzahl ist blutjung. Bis zu 95 Prozent von ihnen stammen aus den Ländern Südosteuropas. Ein Job in Deutschland, mit dem sie vielfach aus ihren armen Heimatländern gelockt werden, erscheint ihnen wie ein Sechser im Lotto – bis sie in der Wirklichkeit der Prostitution ankommen.

Rotlicht und Kriminalität arbeiten symbiotisch

Anders als die paar wenigen Frauen, die sich selbstbewusst Huren nennen, schaffen sie es dann nicht in Talkshows und können nicht von der Selbstbestimmtheit des Lebens als Sexarbeiterin sprechen. Sie bleiben sprach- und rechtlos. Es gilt unter Kriminalisten als gesetzt, dass Rotlichtmilieu und organisierte Kriminalität in enger Symbiose zueinander stehen.

Denn der Markt verlangt ständigen Nachschub an Frauen, seit das Prostitutionsgesetz von 2002 die Branche weitgehend entkriminalisiert hat. Das nachgeschaltete Prostituiertenschutzgesetz von 2017 war lediglich der Versuch nachzubessern. Es mildert aber nur die Symptome und setzt nicht an der Wurzel des Übels an. An der ungebrochenen Nachfrage durch Freier ändern beide Gesetze nichts. Sie fördern sie vielmehr.

Die Forderung nach einem Sexkaufverbot ist deshalb keine Idee einiger fehlgeleiteter Aktivistinnen. Eine aufgeklärte Gesellschaft ist vielmehr sogar aufgefordert, sich aktiv für ein Sexkaufverbot einzusetzen. Nicht aus Prüderie und Verklemmtheit und auch nicht nur, weil sie krimineller Zwangsprostitution entgegenwirken will. Sie muss sich dafür einsetzen, wenn sie ihre Verfassungsgrundsätze ernst nimmt. Denn Artikel 1 des Grundgesetzes formuliert ein nicht verhandelbares Gut. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es dort. In der Prostitution wird die Menschenwürde jedoch permanent mit Füßen getreten, denn sie geschieht nicht freiwillig, auch wenn das viele immer noch glauben.

Wenn ein Mensch einen anderen kauft

Es gilt eine einfache Wahrheit: Es ist nicht mit der Menschenwürde vereinbar, sexuelle Dienste einzukaufen. Nur ein Sexkaufverbot kann diesen Widerspruch beenden. Diese Sichtweise erfordert jedoch einen grundsätzlichen Perspektivwechsel und ein Umdenken. Das ist schwer, solange wir bezahlten Sex für ein Schmuddelthema halten und es irgendwo weit weg von uns an den Rändern der Gesellschaft ansiedeln. Dabei gehört Prostitution in die Mitte der Gesellschaft, denn dort verbreitet sie ihr zerstörerisches Gift, das auch die Geschlechtergerechtigkeit ernsthaft bedroht.

Es kommen mehrere Entwicklungen zusammen, auf die etliche Pädagogen und Sozialarbeiter mit Sorge schauen. Immer mehr Jugendliche konsumieren Pornos im Internet, bevor sie selbst erste eigene sexuelle Erfahrungen machen. Frauen sind im Netz immer verfügbar, und der Sex ist oft brutal. Die liberale Prostitutionsgesetzgebung hat in dieser Gemengelage katalysatorische Wirkung. Die Logik, die damit einhergeht: Wenn Sexkauf generell erlaubt ist, ist er auch jederzeit legitim. Doch das ist ein gefährlicher Irrweg. Ein Sexkaufverbot trüge dem Rechnung und wäre der Beweis dafür, dass wir unsere Verfassungsgrundsätze wirklich ernst nehmen.

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