Kommentar zum Konflikt China-Japan Gedanken als Exportgut

Starke Differenzen: Chinas Premier Li Keqiang und US-Vizepräsident Joe Biden Foto: dpa
Starke Differenzen: Chinas Premier Li Keqiang und US-Vizepräsident Joe Biden Foto: dpa

Der Konflikt zwischen China und Japan könnte Auswirkungen auf die gesamte Weltgemeinschaft haben. Deshalb wäre es gut, wenn die Nato und die EU sich als Vermittler betätigen würden, meint der StZ-Redakteur Christian Gottschalk.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)
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Stuttgart - Ein paar Quadratkilometer Felsgestein in den Weiten des Pazifiks haben das Zeug dazu, die drei wirtschaftsstärksten Nationen in einen veritablen Konflikt zu treiben. Weil Amerika, China und Japan aufs Engste miteinander verwoben sind, wären die Auswirkungen eines solchen Konflikts rund um den Erdball zu spüren, in Australien, in Afrika und auch in Deutschland. Ob es dem US-Vizepräsidenten Joe Biden bei seinen Gesprächen in Tokio und Peking gelungen ist, die erhitzten Gemüter zu beruhigen, ist unklar. Sehr wahrscheinlich ist es nicht, zumal die USA selber alles andere als leise in einem Konflikt auftreten, in dem es unmöglich ist, nur einen Schuldigen zu benennen.

Es ist ein wenig in Mode gekommen, jeden Schritt Pekings als Provokation zu bezeichnen. Das kann man zwar so sehen, muss man aber nicht. Drei Beispiele: Da ist das überraschende Ausrufen einer Luftverteidigungszone durch China, obwohl dessen Hoheit über das entsprechende Gebiet überaus strittig ist. Allerdings hat Japan solch eine Zone schon lange für sich reklamiert, ohne dass die Hoheitsansprüche eindeutig zu Gunsten Tokios sprechen.

Ein beängstigendes Aufschaukeln

Da ist zweitens die chinesische Androhung militärischer Maßnahmen, sollten seine Regeln missachtet werden. Zuvor hatte Japan jedoch erklärt, künftig chinesische Aufklärungsdrohnen in seiner Überwachungszone abzuschießen. Da ist drittens die Fahrt des chinesischen Flugzeugträgers in umstrittene Gewässer. Aber auf der anderen Seite lassen die USA als Japans Verbündete ihre USS Washington in der Region kreuzen – den einzigen Flugzeugträger mit einem Heimathafen außerhalb Amerikas.

Zu beobachten ist somit eine Folge von Reaktionen und Gegenreaktionen, ein beängstigendes Aufschaukeln, das an Tempo und Schärfe immer mehr zunimmt. Es geht dabei nicht so sehr um Öl-, Gas- oder Fischvorkommen im Dunstkreis der umstrittenen Inseln. All das spielt eine Rolle, aber nicht die wichtigste. Es geht vielmehr um den Anspruch auf das Territorium an sich, der in Asien eine Bedeutung hat, der nur schwer mit europäischem Denken zu fassen ist. Dass in Japan, wo die Inseln Senkaku heißen, ein für nationalistische Ideen aufgeschlossener Premier regiert, macht die Sache nicht leichter. Zumal sein Pendant in China, wo die Inseln Diaoyu genannt werden, nicht minder stark die nationale Klaviatur zu spielen weiß.

Ein rotes Telefon wäre wünschenswert

Es gehört zu den ganz großen Gefahren in diesem Konflikt, dass die führenden Köpfe der beiden unmittelbaren Konfliktparteien ihre Bevölkerung in einem Ausmaß radikalisieren, das es ihnen später nicht mehr erlaubt, einen Schritt zurückzugehen. Der Vorschlag Joe Bidens, China und Japan sollten auf höchster Ebene Kommunikationsstrukturen etablieren, die auch in einem Krisenfall zur Verfügung stehen, ist vor diesem Hintergrund uneingeschränkt zu begrüßen. Ein rotes Telefon, wie es nach der Kubakrise zwischen Moskau und Washington etabliert wurde, gibt es nicht zwischen Tokio und Peking.

Inzwischen sind nicht mehr die unmittelbaren Konfliktparteien alleine gefordert. Vor einem halben Jahr hat die Nato beschlossen, die bestehende Kooperation mit Japan zu intensivieren. Es gibt Stimmen, die mit Blick auf die umstrittenen Inseln dazu raten, diese Zusammenarbeit zu forcieren. Die USA haben ihr Verteidigungsbündnis mit Japan jüngst modernisiert, China hat in diesem Jahr gleich zwei Großmanöver auf See zusammen mit Russland veranstaltet. Alle Beteiligten müssen wachsam sein, um nicht die Gedanken des Kalten Krieges nach Fernost zu exportieren. Es wäre sehr viel wünschenswerter, die Lehren in Ostasien zu verbreiten, die Europa aus dem vergangenen Jahrhundert gezogen hat. Wer immer sich dort als Vermittler versucht, wird kein leichtes Spiel haben und viel Ausdauer benötigen. Einen Versuch wäre es wert.




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