Kommentar zum Wachstum im Umland Geisterstädte kann niemand wollen
Trotz aller Probleme, die ein Bevölkerungszuzug mit sich bringt: Städte können nicht einfach die Tore schließen, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Trotz aller Probleme, die ein Bevölkerungszuzug mit sich bringt: Städte können nicht einfach die Tore schließen, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Dieser Konflikt plagt viele Kommunen in der Region: Ob Ditzingen, Renningen, Korntal-Münchingen, Weil der Stadt oder Leonberg – sie sind allesamt beliebte Zuzugsorte. Zahlreiche Menschen wollen sich in den kleineren und mittleren Städten rings um Stuttgart niederlassen. Hier geht es geruhsamer zu als in der Landesmetropole, dennoch gibt es zumeist ein Angebot an Einkauf, Bildung und Freizeit, das urbanen Ansprüchen genügt.
Die Gemeinden, die an der S-Bahn liegen, haben kurze Wege, und – was für die meisten von zentraler Bedeutung ist, die Immobilienpreise und Mieten sind zwar hoch, aber dennoch niedriger als in Stuttgart selbst.
So weit so gut. Wachsende Städte und Gemeinden steigern in der Regel das Selbstbewusstsein und den Lokalstolz der Bevölkerung, und je größer die Kommune, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten und Angebote. Etliches kann vor Ort erledigt werden, lange oder umständliche Fahrten entfallen.
Das betrifft auch die Bereiche Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen. Damit sind wie bei der Kehrseite der Medaille. Je mehr Familien sich in einer Kommune niederlassen, desto höher ist der Bedarf an Kindergärten und Schulen. Leonberg ist ein Paradebeispiel dafür, wo in den vergangen Jahren Kitas regelrecht am Fließband aus dem Boden gestampft wurden und der Bedarf immer noch nicht gedeckt ist. Schulen müssen saniert, erweitert oder komplett neu gebaut werden. Das verschlingt zig Millionen. Geld, das gerade die größeren Städte nicht haben.
Ist es da verwunderlich, dass etwa die Leonberger Grünen im Sommergespräch mit unserer Zeitung vor einem weiteren Wachsen der knapp 50 000 Einwohner großen Stadt warnen? Und darauf hinweisen, dass ein Ansteigen der Bevölkerung nicht nur finanziell, sondern auch flächenmäßig kaum darstellbar ist, noch dazu vor dem Hintergrund der zunehmenden Flüchtlingszahlen?
Da ist einiges dran. Zur Wahrheit gehört aber auch die Analyse, die in unseren Interviews die SPD und jetzt die FDP aufgemacht haben. Ist es gerecht, eine Stadt einfach dicht zu machen? Sollen denjenigen, die hier aufgewachsen oder eine Arbeit gefunden haben, die Chance verwehrt werden, hier zu wohnen? Kann eine Stadt einfach sagen: bei uns nicht!?
Mitnichten! Unabhängig davon, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, wo Stadttore einfach zugemacht wurden, löst eine restriktive Wohnraumpolitik das eigentliche Problem ja nicht. Es gibt immer Menschen, die hohe Preise zahlen können. Wollen die politisch Verantwortlichen aber sowohl beim Alter als auch bei den Einkommensverhältnissen eine durchmischte Stadtgesellschaft haben, müssen sie dafür Sorge tragen, dass es langfristig Wohnangebote für alle gibt – für den Bosch-Manager wie auch für die Krankenschwester.
Diese Herausforderung ist nicht neu und unvermindert komplex. Es wird nicht ohne Baugebiete in den Außenbereichen gehen. Dass die viel gepriesene Innenverdichtung kein Allheilmittel ist, hat sich bei deren praktischer Umsetzung schnell herausgestellt. Denn die Freiräume, die es bisher in den Zentren gab, fallen weg. Natürlich wird zudem der Bedarf an Kitas und Schulen steigen.
Doch was wäre die Alternative? In überalterten und schrumpfenden Städten stirbt das Leben langsam aber sicher ab. Doch Geisterstädte kann niemand wollen. Und ein Aspekt sei nicht verschwiegen: Auch ältere Menschen haben ein Anrecht auf ein lebendiges Umfeld, das ihnen am Lebensabend Freude und Impulse schenkt. Jung und Alt gehören nun einmal zusammen.