Kommentar zur Berlinale Das Leben der anderen

Wieder im harten Einsatz: der Rote Teppich der Berlinale Foto: dpa/Britta Pedersen

Die integrative Macht des Kinos baut Vorurteile ab und weitet den Horizont – kommentiert unser Filmkritiker Bernd Haasis.

Berlin - Die bunte Welt des Films ist zu Gast in der Hauptstadt, und alle gehen hin – die Warteschlangen vor den Kartenschaltern sind Legende bei der Berlinale, dem größten aller Publikumsfestivals. Die Menschen kommen nicht nur, um sich zu unterhalten oder Stars zu sehen. Wer das glaubt, unterschätzt die integrative Wirkung des Festivals und die Macht des Kinos. Sie kommen, um in andere Leben einzutauchen, deren Umstände ihnen zuvor häufig fremd sind.

 

Diese Neugier aufs andere ist in Berlin ausgeprägter als bei den Sonnenfestivals in Cannes und Venedig. Die winterliche Berlinale ist traditionell rau, unangepasst, politisch. Und sie steht für ein weltoffenes, aufgeklärtes, tolerantes Deutschland, das ganz selbstverständlich Wettbewerbsbeiträge liefert wie diesen: Burhan Qurbani, Sohn afghanischer Einwanderer und Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, verlegt Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ in die Gegenwart und stellt ein Flüchtlingsschicksal ins Zentrum.

Filme offenbaren, was Menschen umtreibt

An diesem Donnerstag hat die 70. Berlinale wieder ihr Tor zur Vielfalt geöffnet. In den Filmen offenbart sich, was Menschen überall auf der Welt umtreibt, welche Beweggründe, Regeln und Normen sie haben, wie sie ihre Beziehungen organisieren. Dabei weitet sich jedes Mal der Horizont: Je mehr Menschen über andere wissen, umso weniger anfällig sind sie für Vorurteile, Halbwahrheiten und Lügen.

Beim iranischen Film „Nader und Simin“, dem Gewinner des Goldenen Bären 2011, waren westliche Zuschauer verblüfft, wie sehr der Alltag der liberalen Mittelschicht in Teheran ihrem eigenen ähnelt und wie groß der Graben ist zur islamisch-religiös geprägten Unterschicht – mit der sich, wie mit manchen Pegida-Anhängern, kaum faktenbasiert diskutieren lässt. Bei derselben Berlinale hielt deren langjähriger Leiter Dieter Kosslick einen Jurystuhl frei für den iranischen Regisseur Jafar Panahi, der als Oppositioneller zu Hause mit Berufsverbot und Hausarrest belegt war. Die Berlinale machte seinen Fall weltöffentlich und präsentierte sich als Hort der Meinungs- und Kunstfreiheit.

Die Berlinale braucht Glaubwürdigkeit

Einen großen Teil seiner Wirkung verdankt das Festival dem Kino als Illusionsort. Beim kollektiven Erlebnis im dunklen Saal überwältigen Filme das Publikum auf besondere Weise, denn die Situation erzwingt Aufmerksamkeit: Es gibt keine Pausentaste, keine Ablenkung durch Telefon oder Kühlschrank. Und hinterher besteht die Möglichkeit, direkt mit anderen über das Gesehene zu sprechen. Das Festival erinnert an den Wert dieser Kinokultur, die viele Anhänger an Streamingdienste und soziale Medien verloren hat.

Seit Kurzem steht fest, dass der Berlinale-Gründungsdirektor Alfred Bauer ein Nationalsozialist war. Diese Erkenntnis kommt spät – so spät, dass sie dem Festival, welches das isolierte Deutschland von 1951 an auf die internationale Bühne zurückführte, nichts mehr anhaben kann. Die neuen Berlinale-Leiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian – eine Niederländerin und ein Italiener – haben besonnen reagiert und Zeit gewonnen, indem sie den nach Bauer benannten Preis ausgesetzt, dafür aber einen Sonder-Bären zur 70. Berlinale eingeführt haben. Nun müssen sie die braune Befleckung loswerden, ohne frühere Preise zu entwerten; die Debütantin Nora Fingscheidt wurde 2019 für ihr Sozialdrama „Systemsprenger“ prämiert – noch eine Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie.

Die Berlinale braucht ihre ganze Glaubwürdigkeit in einer Zeit, in der rückwärtsgewandte Geister Weltoffenheit für den Untergang des sogenannten Abendlandes halten. Gerade diese Offenheit aber könnte sich als einziger Weg erweisen, die Probleme der Zukunft zu lösen. Die Filmemacher haben das längst verstanden.

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