Kommentar zur OB-Wahl Schlappe für SPD und CDU

Konkurrenten unter sich: Sebastian Turner und Fritz Kuhn (rechts) Foto: dpa 45 Bilder
Konkurrenten unter sich: Sebastian Turner und Fritz Kuhn (rechts) Foto: dpa

Der erste OB-Wahltermin in Stuttgart hat gezeigt, dass die Wähler ihre Stimme lieber gleich den Favoriten geben und nicht auf Außenseiter setzen. Die zweite Abstimmung wird nun zu einem wirklichen Duell zwischen Turner und Kuhn, meint StZ-Lokalchef Holger Gayer.

Lokales: Holger Gayer (hog)
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Stuttgart - Nun haben die Wähler also getan, was die meisten Beobachter der Politikszene in Stuttgart von ihnen erwartet hatten: Keinem der OB-Kandidaten haben sie auf Anhieb so viele Stimmen geschenkt, dass schon jetzt feststünde, wer Wolfgang Schuster im Amte folgt. Also werden die Bürgerinnen und Bürger der Landeshauptstadt am 21. Oktober erneut an die Urnen gerufen – zu einer Wahl, die dann ein wirkliches Duell werden dürfte.

Denn schon beim ersten Wahlgang ist deutlich geworden, dass die Mehrheit ihre Stimme lieber gleich einem der großen Zwei geben wollte als einem Außenseiter. So ist weniger überraschend, dass der Grüne Fritz Kuhn und der CDU-FDP-Freie-Wähler-Kandidat Sebastian Turner sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert haben – mit einem klaren Etappensieg für Kuhn. Verblüffend ist eher der hohe Anteil von Stimmen, den die beiden Bewerber insgesamt auf sich vereinen konnten.

Hauptleidtragende ist Bettina Wilhelm

Mehr als siebzig Prozent der Stuttgarter wollten die Wahl offenbar schon im ersten Anlauf entscheiden. Das bekam Hannes Rockenbauch zu spüren, dessen Ergebnis zwar respektabel, aber eben auch am unteren Ende seiner Möglichkeiten anzusiedeln ist. Die Hauptleidtragende heißt jedoch Bettina Wilhelm. Trotz eines engagierten Wahlkampfs hat die parteilose Genossin nicht einmal das ohnehin schmale Reservoir an SPD-Wählern in Stuttgart ganz ausgeschöpft. Für sie persönlich ist das bitter, für die SPD aber ist es ein Debakel. Nicht einmal 1996 bei ihrer peinlichen Splitterwahl mit den OB-Kandidaten Brechtken und Becker waren die Genossen schlechter. Und dachten bei der katastrophalen Gemeinderatswahl vor drei Jahren, als die SPD bei 17 Prozent landete, viele Genossen, es ginge nicht mehr schlimmer, so steht jetzt fest: Sie haben sich getäuscht.

Gleichzeitig bestätigt das Resultat aber einen seit 2009 bemerkenswert konstanten Befund: Stuttgart ist nicht mehr klassisch konservativ. Sowohl bei den Bundestags- und Gemeinderatswahlen vor drei Jahren als auch bei der Abstimmung über die Zusammensetzung des Landtags vor einem Jahr gab es in der Landeshauptstadt stabile Mehrheiten jenseits von CDU, FDP und – auf kommunaler Ebene – den Freien Wählern. Diese Tendenz hat sich mit dem nun vorliegenden Zwischenergebnis der OB-Wahl in dramatischer Weise beschleunigt. Zusammengerechnet kommen Grüne, SPD und SÖS/Linke auf mehr als 60 Prozent aller abgegebenen Stimmen. In der Hauptstadt des schwäbischen Liberalismus ist das ein politischer Erdrutsch, der auch die CDU in eine tiefe Krise stürzt.

Wo die CDU hin will, sitzen schon die Grünen

Der Partei des ländlichen Raums fehlt es an Personal, das auch eine urbane Stadtgesellschaft überzeugen könnte. Obwohl die Union in Andreas Renner vielleicht sogar einen geeigneten Kandidaten für Stuttgart aus den eigenen Reihen hatte, entschied sich die Mehrheit für den parteilosen Sebastian Turner. Der Unternehmer sollte der CDU die Tür zur neuen bürgerlichen Mitte in der Stadt öffnen. Doch nun droht auch dieses Experiment zu scheitern.

Denn dort, wo die CDU mit Turner hinwollte, sitzen schon die Grünen. Die einstigen Außenseiter haben sich längst im Zen­trum des Bürgertums breitgemacht. Sie sind auf eine Art konservativ-progressiv, die der CDU abhanden gekommen ist: werterhaltend, aber gleichzeitig aufgeschlossen. Fritz Kuhn steht ebenso sinnbildlich für diesen scheinbaren Wertewiderspruch wie Winfried Kretschmann.

Und wie schon vor einem Jahr im Land wird jetzt auch in Stuttgart der SPD die Rolle des Mehrheitsbeschaffers zufallen. Im Gegensatz zu den OB-Wahlen 1996 und 2004, als es Grüne und Rote trotz beachtlicher gemeinsamer Mehrheiten im ersten Wahlgang nicht schafften, den schwarzen Oberbürgermeister Schuster zu verhindern, erscheint es unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte nun erneut wiederholt.

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