Kommentar zur Pisa-Studie Erste Früchte der Einsicht

Im Jahr 2000 fand der erste Pisa-Test statt, inzwischen ist er fast schon Routine. Foto: dpa
Im Jahr 2000 fand der erste Pisa-Test statt, inzwischen ist er fast schon Routine. Foto: dpa

Selbstgefälligkeit ist ein schlechter Lehrmeister. Deutschland hat das erkannt – und schneidet inzwischen beim Bildungstest Pisa besser ab. Ein Kommentar von StZ-Autor Thomas Maron.

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)
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Berlin - Die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie sind ein Lichtblick nach Jahren der Verunsicherung im Schulwesen. Deutsche Schüler im Alter von 15 Jahren haben, verglichen mit der ersten internationalen Vergleichsstudie im Jahr 2000, in den drei getesteten Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erhebliche Fortschritte erzielt. Sie liegen damit in allen getesten Feldern über dem Durchschnitt der bewerteten Industrienationen. Vor allem ein Befund wird alle freuen, die nicht nur an leistungsstarken Eliten sondern auch an sozialem Zusammenhalt interessiert sind: die größten Fortschritte sind disziplinübergreifend bei den leistungsschwächsten Schülern erzielt worden. Die soziale Herkunft ist zwar noch immer beklagenswert prägend für den Schulerfolg, aber nicht mehr in dem Ausmaß, wie das noch im Jahr 2000 der Fall war.

Die Reformbemühungen zahlen sich aus

Nun sollte man das positive Ergebnis ebenso wenig in allen Details absolut setzen wie die negativen Werte der ersten Tests, denn einer internationalen Studie fehlt zwangsläufig der Blick fürs Detail, für Unterschiede in der Lernkultur, für spezifische Schulsysteme. Aber dennoch kann man sagen, dass die umfassenden Reformbemühungen der vergangenen Jahre in Deutschland Früchte tragen. Das mag jene Eltern und Schüler ein wenig trösten, die unter den fortwährenden, hektischen Bastelarbeiten am Schulsystem zu leiden hatten. Wie es scheint, war es nicht vergebens.

Die deutsche Bildungspolitik zog nach dem Pisa-Schock 2000 den Schluss, dass Selbstgefälligkeit der schlechteste Lehrmeister ist. Entscheidend für den Fortschritt war die parteiübergreifende Einsicht, dass weder Goethe und Schiller noch ein wie auch immer gegliedertes Schulsystem allein Lernerfolg und Chancengerechtigkeit garantieren können. Die Bildungsforschung hat in der Folge einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. In den Grundschulen wird zum Beispiel über vielfältige Leseprojekte das Lernen vom Klassen- ins Kinderzimmer übertragen. Die Aufgabenstellungen in Mathematik haben sich verändert, fördern intensiver als früher das dauerhafte Verständnis von Strukturen und Mustern und nicht mehr so sehr die kurzatmige Konzentration auf die nächste Prüfung. Schulleitungen und Lehrer müssen sich durch die Einführung nationaler Bildungsstandards und fortwährende Evaluationen messen lassen.

Das Kooperationsverbot sollte fallen

Das heißt nicht, dass deshalb alles zum Besten bestellt wäre. So muss natürlich die Lehrerausbildung, vor allem die Weiterbildung, verbessert werden. Noch immer ist die Hort- und Hausaufgabenbetreuung in vielen Grundschulen von schlechter Qualität. Und auch der Ausbau von Ganztagsschulen könnte schneller voranschreiten, wenn das Kooperationsverbot fiele, dass dem Bund ein dauerhaftes finanzielles Engagement in Schulen untersagt. Aber Reformziele können jetzt überlegter, zielgerichteter, weniger hysterisch als in den Jahren nach dem „Pisa-Schock“ entwickelt werden. Etwas mehr Ruhe an den Schulen muss ja nicht gleich Stillstand bedeuten.




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