Dass alte Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben und nicht ins Altenpflegeheim wollen, ist keine neue Erkenntnis. Dass sich diese Tendenz aber inzwischen so deutlich in den Zahlen niederschlägt, überrascht doch. Seit dem Jahr 2009 sei der Anteil der stationären Pflege in Stuttgart „von 39 Prozent auf 24 Prozent zurückgegangen“, sagte die Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) beim Abschluss der sogenannten Kommunale Pflegekonferenz. Was umgekehrt bedeutet, dass die ambulante Versorgung alter Menschen in der Stadt entsprechend stark zugenommen hat.
Vor welche Herausforderungen beide Bereiche der Altenpflege in den kommenden Jahren stehen und welche Ziele man verfolgt, darüber haben sich Vertreter der Sozialverwaltung, von Heimträgern und Pflegediensten in den vergangenen zweieinhalb Jahren in Arbeitsgruppen und Sitzungen ausführlich Gedanken gemacht.
Dass der Personalmangel eines der größten Probleme bleiben wird, ist keine Frage. Wenn es derzeit einen Mangel an Heimplätzen gebe und man niemanden aufnehmen könne, dann wegen Personalmangels, sagt Marc Bischoff, der Geschäftsführer des städtischen Eigenbetriebs Leben und Wohnen (ELW). „Wartelisten entstehen, weil wir Personalengpässe haben.“ Das ist gerade gegenwärtig wieder recht häufig der Fall, das macht Ingrid Hastedt, die Vorsitzende des Trägerforums Altenhilfe Stuttgart, deutlich. Verantwortlich für die vielen Ausfälle seien dabei neben der grassierenden neuen Corona-Variante auch andere Infektionskrankheiten und nicht zuletzt die Erschöpfung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach zwei Jahren Corona-Pandemie, betont die Geschäftsführerin des Wohlfahrtswerks für Baden-Württemberg.
Dabei waren die Heimträger bei der Personalrekrutierung in den vergangenen Jahren durchaus erfolgreich. Laut den Zahlen des Statistischen Landesamtes gab es Ende des Jahres 2009 in Baden-Württemberg insgesamt 1466 stationäre Pflegeeinrichtungen, 2019 waren es 1912, plus 30 Prozent. In dieser Zeit wuchs die Zahl der Mitarbeiter von 80 824 auf 103 198, plus 28 Prozent. In Stuttgart waren im Jahr 2019 in der stationären Pflege insgesamt 5423 Personen beschäftigt, in der ambulanten Pflege 2332.
Neue Kräfte kommen aus dem Ausland
Trotz der Zuwächse ist die Personaldecke auch heute überall in den Heimen sehr dünn. Weil das zusätzliche Personal in den allermeisten Fällen „aus dem Ausland kommt, in der Regel aus Drittstaaten“, so Ingrid Hastedt, „brauchen wir auch Personalwohnungen, vor allem für unsere Pflege-Azubis“.
Die Frage ist dabei, wie stark der Bedarf an Plätzen und an Personal in den Heimen in den nächsten Jahren steigen wird. Derzeit gebe es in Stuttgart 5129 Heimplätze, sagt Bürgermeisterin Alexandra Sußmann. Nach einer Hochrechnung könnte der Bedarf im Jahr 2030 aufgrund der demografischen Entwicklung aber bei etwa 6800 Plätzen liegen, das wäre ein Plus von einem Drittel und eine entsprechende Herausforderung. Nach einer jüngeren Berechnung des Kommunalverbands für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg aber könnte unter Berücksichtigung des Trends zur ambulanten Versorgung der künftige Bedarf auch nur bei 5680 Plätzen liegen, was einer Zunahme von nur knapp elf Prozent entsprechen würde.
Barrierefreiheit von Wohnungen und Quartieren
In jedem Fall aber soll sich das künftige Angebot stärker an den Bedürfnissen der alten Menschen und ihrer Angehörigen richten. Ziel sei ein „wohnortnaher Hilfemix“, so Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann. Um das Verbleiben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen, sollte künftig „ein Viertel der Wohnungen barrierefrei sein“, sagt Samir Sidgi, der Vorsitzende der Geschäftsführung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SWSG. Sehr wichtig sei, dass auch die Wohnquartiere barrierefrei werden, so Sidgi. Ingrid Hastedt ist überzeugt, dass weniger alte Menschen etwa nach Klinikaufenthalten ins Heim müssten, wenn es „ein breiteres Angebot an 24-Stunden-Pflege“ im ambulanten Bereich gäbe.
Man ist sich auch einige darin, dass das Thema Pflege in allen Formen stärker in Wohnungsbauprojekten berücksichtigt werden muss. So baue die SWSG bei verschiedenen Wohnprojekten auch Pflege-WGs, sagt Samir Sidgi. Teil eines Projekts in Stuttgart-Rot mit 360 Wohnungen seien auch stationäre und teilstationäre Pflegewohnungen. In Rot habe das Wohlfahrtswerk schon vor zehn Jahren eine Pflege-WG eingerichtet, betont Ingrid Hastedt. Dort will man bald auch Tagespflegeplätze eröffnen, unmittelbar neben einem Wohncafé. Derzeit gibt es laut Stadt 26 Tagespflegeeinrichtungen mit 379 Plätzen in Stuttgart.
Demografische Entwicklung in Stuttgart-Rot
Die Baugenossenschaft Neues Heim setzt in Rot seit einigen Jahren ein umfangreiches Projekt zur sozialraumorientierten Versorgung um, dazu gehört ein Pflegestützpunkt, neue, barrierefreie Wohnungen und drei Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung, weitere Projektelemente sind geplant. Solche Angebote sollen in der ganzen Stadt noch stärker ausgebaut werden. Warum, auch das zeigt das Beispiel Stuttgart-Rot: Von den 10 141 Einwohnern des Stadtteils sind 2150 älter als 65 Jahre, das sind 21,5 Prozent. In fast der Hälfte der 5150 Haushalt lebt nur eine Person. In den Jahren 1990 bis 2014 ist der Anteil der hochbetagten Menschen über 85 um fast 35 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung dürfte weitergehen.
Der städtische Eigenbetrieb Leben und Wohnen plant im neuen Wohngebiet Neckarpark zwei Gebäude, eines mit 60 bis 75 vollstationären Pflegeplätzen, zwei Pflege-WGs für insgesamt 24 Personen sowie betreute Wohnungen und einen Pflegedienst. Künftig wolle sich der ELW, der im stationären Bereich seinen Schwerpunkt habe, auch „im ambulanten Bereich weiterentwickeln“, sagt Marc Bischoff.