Kommunalwahl in Stuttgart „Eine große Veranstaltungshalle muss die Schleyer-Halle ersetzen“

Mitten in Stuttgart entsteht mit dem Haus für Film und Medien eine Begegnungsstätte mit offenem Werkstattcharakter. Foto: /Delugan Meissl Associated Architects, Wien

Am 9. Juni ist Kommunalwahl in Stuttgart. Zwei Themen sind dabei untrennbar verbunden: Stadtentwicklung und Kultur. Unsere Bestandsaufnahme zeigt, wieso.

Wie sie das kulturelle Angebot in Stuttgart sieht? Michaela Russ antwortet fast euphorisch und lobt „eine fast überwältigende Vielfalt kultureller Angebote und Aktivitäten“. Gefühlt, sagt die Geschäftsführerin des Stuttgarter Konzertveranstalters Russ Klassik, „kann jede und jeder Interessierte jeden Tag eine hochklassige Veranstaltung besuchen, davor durch eine interessante Ausstellung oder weltberühmte Sammlung spazieren, nachdem die architektonischen Schätze besichtigt wurden“ – „es fehlt also scheinbar an nichts“.

 

Stadt profitiert von großen Landeseinrichtungen

Das Lob wird die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker im Stuttgarter Gemeinderat ebenso freuen wie ihre Partnerinnen und Partner im Land – immerhin profitiert die Landeshauptstadt erheblich von den großen Staatlichen Kultureinrichtungen, allen voran den Württembergischen Staatstheatern Stuttgart mit den in diesem Jahr mit Publikumsbestzahlen aufwartenden Staatsoper Stuttgart, Stuttgarter Ballett und Schauspiel Stuttgart.

Dennoch landet man bei diesem Thema prompt bei der Verbindung der Themen Städtebau, Stadtentwicklung und Kultur. Zur Erinnerung: Insbesondere Wolfgang Schuster hatte als Kulturbürgermeister und Oberbürgermeister zentrale Kulturbauten als Schlüssel für neue Stadtquartiere gesehen – der Neubau des Kunstmuseums 2005 als Kern der Neugestaltung des Kleinen Schlossplatzes, die neue Stadtbibliothek als öffentlicher Ankerpunkt auf dem von der Deutschen Bahn direkt vermarkteten Areal A 1 am Hauptbahnhof und nicht zuletzt das Theaterhaus am Pragsattel sind erfolgreiche Beispiele.

Und eine weitere Verbindung wird folgen: Das Haus für Film und Medien prägt die Neuentwicklung auf dem Areal des heutigen Breuninger-Parkhauses wesentlich mit. Auch die Weichenstellung des Gemeinderates für die Neuentwicklung der Neckarvorstadt in Stuttgart-Bad Cannstatt ist hier zu nennen – die Idee ist, über ein „Konzertforum am Neckar“ dem Standort an sich neue Qualität zu geben. Auch die geplante Interimsoper ist eine breite Tür für eine städtebauliche Neuentwicklung am Nordbahnhof.

Untrennbar verbunden mit der Weiterentwicklung der Stadtautobahn B 14 zur mit vielen Querungen versehenen Straße ist auch die „Jahrhundertaufgabe“ (Ministerpräsident Winfried Kretschmann) der Erweiterung des Staatstheater-Areals am Oberen Schlossgarten mit Abriss und Neubau des bisher eher als abweisender Trutzburg wahrgenommenen Kulissengebäudes sowie der Generalsanierung des Opernhauses.

Ersatz für die Schleyerhalle notwendig

Der Neubau eines Komplexes aus einem Museum der Kulturen der Welt (als Neubau für das Linden-Museum) und Philharmonie (als neuer Großbühne für Konzerte) unmittelbar am neuen Tiefbahnhof des Büros von Christoph Ingenhoven ist indes nur eine Idee von Ex-OB Schuster geblieben. Die Kehrseite: Eine wichtige öffentliche städtebauliche Nutzung auf dem Entwicklungsareal des Verkehrs- und Infrastrukturprojektes Stuttgart 21 fehlt in den Planungen. Und auch darauf ließe sich die Einschränkung von Michaela Russ beziehen. „Natürlich“, sagt sie, „ertönt weithin das Lamento über die ewigen Baustellen, wie soll man da noch mehr davon wollen?“ Und doch bestehe „immer dringenderer Bedarf an Kulturorten“, von denen „zwei zentral“ seien. „Eine große Veranstaltungshalle“, so Michaela Russ, „muss die Schleyerhalle ersetzen, die zunehmend und weiträumig von großen Künstlern in der Tourneeplanung übergangen wird. Wir vergeben uns damit immer öfter die Chance auf Konzerte der größten internationalen Stars des Rock und Pop.“

Das braucht die Musikstadt Stuttgart

Und das zweite Thema? Was für die Größen aus Pop und Rock gelte, betreffe „leider auch die klassische Musik“, sagt Russ. „Die ganz großen Orchester, etwa die New Yorker Philharmoniker oder die Berliner Philharmoniker“, konstatiert sie, „wollen in Stuttgart einfach nicht mehr spielen, weil die örtlichen Gegebenheiten für die Musikerinnen und Musiker als nicht mehr zumutbar empfunden werden.“ Die Lösung? Als „großen Wunsch“ formuliert Michaela Russ „als Auftrittsort internationaler Stars ein neues Konzerthaus“.

Zu heben ist nach wie vor ein erneut Städtebau und Kultur verbindender und national einmaliger Schatz: Hochkarätige Kultureinrichtungen drängen sich in der Innenstadt und formieren sich zu einem weit ausgreifenden Kulturquartier von der Staatsgalerie über das Haus der Geschichte und die Musikhochschule, die Landesbibliothek und das Staatsarchiv Stadtpalais und das Hotel Silber, das Landesmuseum Württemberg, das Kunstmuseum Stuttgart, die Innenstadtkinos in der Bolzstraße, das Haus der Katholischen Kirche, das Kunstgebäude am Schlossplatz und das Staatstheater-Areal. Das Kulturquartier ist Realität – doch bis heute nicht als solches erlebbar. Gemeinsamer Auftritt? Gemeinsame Tickets und mehr? Fehlen.

Auch Unternehmerische Kulturwirtschaft gedeiht

Mitten im Zentrum, auf dem Kleinen Schlossplatz, findet man auch die private Galerie Schlichtenmaier. Geschäftsführer Kay Kromeier sieht Stuttgart als „einen guten Ort mit vielen Möglichkeiten – das gilt für die unternehmerische Kulturwirtschaft genauso wie für die von öffentlicher Hand geförderte Kultur“.

Und er fügt noch einen Aspekt hinzu, der besonders auch für die Arbeit in den Stadtteilen und der Verbundenheit etwa zwischen dem Theater Rampe und dem Süden, dem Theater Tredeschin und dem Osten oder dem Theater der Altstadt mit dem Westen wichtig ist. „Es freut mich“, sagt Kromeier, „dass die Unterstützung der Kultur-Landschaft ein wahrnehmbar wichtiges Anliegen ist“. Und er betont zudem: „Gerade weil der Grundklang der Stadt oft ein technisch-rationaler ist, ist das kulturelle Gegengewicht so wichtig für die Lebensqualität, die Stuttgart ausmacht.“

Kultur stärkt Gemeinschaft

Dazu gehört für ihn auch die Klangvielfalt nicht nur an der Spitze der Musikstadt Stuttgart, sondern gerade auch an der Basis. „Da gibt es“, sagt Kay Kromeier“ „eine wunderbare Vielzahl von Chören, Ensembles und Vereinen, in denen Menschen zum Musizieren zusammen kommen können.“

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