Konflikt in der Mobilen Jugendarbeit Streetwork in Böblingen vor der Zwangspause

Die Mobile Jugendarbeit steht vorübergehend ohne Streetworker da. Foto: /Thomas Bischof

Die Mobile Jugendarbeit in Böblingen steht vor dem Aderlass. Die Sozialpädagogen haben nach vielen Jahren gekündigt, weil es wohl hinter den Kulissen ordentlich knirscht. Bis wann es wieder Betreuung für die Jugendlichen geben wird, ist unklar.

Böblingen - Auf Facebook gab’ s die Abschiede beinahe im Tagesabstand. Ende Mai sagte Streetworkerin Lina Höppner Tschüss, weil sie ein Kind erwartet. Fünf Tage später verabschiedete sich Matthias Rau nach sechs Jahren Arbeit auf dem Flugfeld von seinen Jugendlichen. Und am vergangenen Freitag legte Reiner Pravda nach. 27 Jahre lang war der Sozialpädagoge für die Jugendlichen in Böblingen Ansprechpartner. Auch der 59-Jährige wollte nicht mehr länger Teil der Böblinger Streetworker-Szene sein.

 

Hinter den Kulissen ist zu hören, dass der nahezu gemeinsame Abschied Gründe hat. Dass zumindest der Abgang des Seniors nicht geplant war, lässt seine letzte Botschaft durchblicken: „Irgendwie schon mystisch, dass der Himmel heute grollt“, hat Pravda in ein Bild geschrieben, das ihn am Unteren See vor gewitterträchtiger Kulisse am letzten Arbeitstag zeigt. Die symbolträchtigen Zeilen markieren das Ende einer Ära, das sich Pravda wohl so nicht vorgestellt hat.

Erhebliche Differenzen zwischen den Streetworkern und der zuständigen Fachvorständin

Seit 25 Jahren ist der Verein für Jugendhilfe (VfJ) für die aufsuchende Jugendarbeit in Böblingen zuständig. Der Sozialdienstleiter erhält hierfür finanzielle Unterstützung von der Stadt. Dem Vernehmen nach gab es in letzter Zeit erhebliche Differenzen zwischen den Streetworkern und der zuständigen Fachvorständin für den Bereich Jugendhilfe. Die Rede ist von Intransparenz, fehlender Innovation, mangelnder Fürsorge für die Mitarbeitenden und einem Führungsstil, der an die „80er Jahre“ erinnere. Die Stimmung bei den Jugendarbeitern sei entsprechend schlecht, heißt es. Hinzu kommt, dass der VfJ sich entschlossen hat, das Büro der Streetworker am Käppele zu schließen. Die kleine Anlaufstation in der Stadtmitte galt seit Jahrzehnten als bewährte Anlaufstelle für die Jugendlichen in der Innenstadt.

Steffen Reitz ist der Vorstandsvorsitzende des Vereins für Jugendhilfe in Böblingen. Reitz bestätigt die Kündigungen seiner beiden Mitarbeiter, auch dass Lina Höppner nicht mehr für den VfJ arbeitet und somit demnächst die mobile Jugendarbeit in Böblingen komplett ohne Personal dasteht. Reiner Pravda, der die Jugendszene in Böblingen bestens kennt und über die letzten 27 Jahre schon an sämtlichen Orten der Stadt im Einsatz war, möchte zu den Vorgängen offiziell nichts sagen, da er sich von einem Anwalt gegenüber seiner bisherigen Vorgesetzten vertreten lässt.

Dass es mächtig knirscht hinter den Kulissen, davon weiß Steffen Reitz nichts. Reiner Pravda habe bereits im November gekündigt, sein Kollege Matthias Rau um einen Auflösungsvertrag gebeten, da er an seinem Wohnort Tübingen eine Stelle antreten möchte, sagt er nur. „Wir wollten Herrn Rau den Weg nicht verbauen“, gibt er zu Protokoll. Für das Büro am Käppele kündigt Reitz Ersatz im der Zentrale des VfJ in der Talstraße an – ein optimaler Standort, für die Jugendlichen jedoch problematisch, da er in einem Verwaltungsgebäude liegt und damit nicht gerade geeignet ist zum Treff mit den Streetworkern.

Finanzierung der Jugendarbeit im Gemeinderat am Dienstag Thema

Wie soll es nun weitergehen? Steffen Reitz glaubt, das Loch in der Betreuung der Böblinger Jugendlichen bald wieder schließen zu können. „Die Bewerbungsgespräche laufen“, sagt er. Bis wann die neue Mannschaft an den Start geht, ist jedoch noch ungewiss.

Für den Verein für Jugendhilfe kommen diese Probleme zur Unzeit. Am Dienstag entscheidet der Verwaltungs- und Kulturausschuss des Gemeinderates über die Verlängerung der Partnerschaft mit dem Verein für Jugendhilfe bis Ende 2026. Die Stadt soll die Dienste des VfJ in der mobilen Jugendarbeit mit rund 150 000 Euro pro Jahr finanzieren. Insgesamt geht es um eine Summe von 750 000 Euro.

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