Streit im Rems-Murr-Kreis Schon wieder Aufruhr an der Waldorfschule
Erst gibt es Unzufriedenheit, dann immer öfter Streit, und am Ende verlassen sechs Kinder die Schule. Über eine Eskalation an der Waldorfschule in Winterbach.
Erst gibt es Unzufriedenheit, dann immer öfter Streit, und am Ende verlassen sechs Kinder die Schule. Über eine Eskalation an der Waldorfschule in Winterbach.
Familie Müller (Name geändert) hat die Schule für ihr Kind sehr bewusst gewählt. Den Eltern kam es nicht so sehr auf Noten an, sondern darauf, dass ihr Kind als Persönlichkeit gesehen wird. Und dass es nachhaltig Einblicke in viele Bereiche des Lebens bekommt. Deshalb haben Müllers ihre Tochter auf der Engelberg-Waldorfschule in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) angemeldet. Drei Jahre lang haben sie diese Entscheidung nicht bereut. Doch im nun vergangenen Schuljahr wurde alles anders. So sehr, dass Müllers ihr Kind am Engelberg abgemeldet haben. Auch fünf seiner Klassenkameraden werden nach den Ferien nicht an die Waldorfschule zurückkehren. Auch für sie sahen ihre Eltern dort keine Perspektive mehr. Das Ende dieser Geschichte ist also bekannt. Und das scheint den Fall zu einem klaren zu machen. Hier die böse Schule, dort die armen Kinder. Aber ist er wirklich so klar?
Der Umschwung beginnt, als der bisherige Klassenlehrer die Schule verlässt. Eine neue Lehrerin übernimmt – und von nun läuft es nicht mehr so rund. So schildern es Frau Müller und zwei weitere Mütter, deren Kinder in jener Klasse waren. Infos über Präsenzunterricht oder Homeschooling seien kurzfristig geflossen, Unterlagen für Aufgaben zu Hause spärlich gewesen. Auf Mails habe es teilweise keine Reaktion gegeben. Überhaupt, so der Eindruck der drei Mütter, sei die neue Lehrerin nicht sonderlich kommunikativ. Frau Müller sucht das Gespräch mit der Pädagogin. Doch danach steht für sie fest: „So kann es nicht weitergehen.“
So weit, so ungut – aber auch so normal. „Solche Konflikte gibt es en masse, an jeder Schule“, sagt Michael Gomolzig. Gomolzig ist stellvertretender Vorsitzender des hiesigen Verbands Bildung und Erziehung (VBE), dessen Pressesprecher, und er hat selbst jahrzehntelang eine Schule geleitet. Er weiß also nur zu gut um die drei großen Konfliktfelder zwischen Schule und Eltern (Noten, Verhalten, Erziehungsstil) – und darum, dass diese Konflikte zunehmen. Eltern, sagt Gomolzig mit Blick auf unzählige Ratgeber und Kurse, seien bewusst stark gemacht worden. „Das ist gut.“ Informierte Eltern, die ihre Rechte kenne, seien wichtig. Zum Nachteil könne es jedoch gereichen, wenn sie das Heft des Handelns in die Hand nehmen wollen.
Der Konflikt in Winterbach ist also kein Waldorf-Spezifikum. Aber vielleicht ist er dort etwas wahrscheinlicher. Weil Eltern, die ihr Kind auf eine Waldorfschule geben, generell engagierter sind. Und weil die Lehrerin, die im konkreten Fall eine entscheidende Rolle spielt, schon einmal im Fokus stand. Dazu später mehr.
Im Frühjahr kündigt Familie Müller den Vertrag mit der Engelbergschule zum Schuljahresende. Zur Entspannung trägt dies nicht bei, wie Frau Müller berichtet. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Mehr als einmal, schildert die Mutter, kommt ihr Kind weinend nach Hause, weil die Lehrerin es angebrüllt habe. Immer wieder fühlt sich die Tochter bloßgestellt. Weil die Lehrerin ihr vorgehalten habe, etwas nicht zu wissen. Oder weil sie das Mädchen und die anderen Abgänger abschätzig als „Störenfriede“ und „Wechselkinder“ bezeichnet habe. Um die Situation zu beruhigen, wechselt Frau Müllers Tochter mit zwei anderen Kindern Ende Juni in die Parallelklasse. Ruhe kehrt nicht ein. Immer wieder, so die Mütter, werden die Kinder aus dem Unterricht geholt und scheinbar grundlos in andere Klassen gesetzt.
Beispiele, dass Differenzen an Schulen eskalieren, gibt es viele. Eltern, die klagen, weil ihre Tochter in eine neu gebildete Klasse (mit vielen Migranten) versetzt wird – gab es bereits. Ein Vater, der vor Gericht zieht, weil er beim Klassenausflug seines Sprösslings dabei sein will – kommt vor. Unvergesslich auch der Streit zwischen einer damaligen Zwölftklässlerin am Stuttgarter Schickhardt-Gymnasium und ihrer Kunstlehrerin um Mobbing- und Verleumdungsvorwürfe, der mehrere Gerichte beschäftigt hat.
Auch Michael Gomolzig hat sich in seiner Zeit als Schulleiter schon juristisch mit Eltern auseinandersetzen müssen, weil sie mit ihren Kindern einfach früher in Urlaub aufgebrochen waren oder weil sie sich zu brüsk abgewiesen fühlten. Also ist auch die Eskalation in Winterbach nicht allzu außergewöhnlich. Dass aber gleich sechs Kinder aus einer Klasse abgehen, das findet auch der erfahrene Pädagoge „ungewöhnlich“.
Eskaliert an einer staatlichen Schule ein Streit zwischen Eltern und Lehrkräften, kommt die Schulaufsicht in Gestalt des Staatlichen Schulamts oder des Regierungspräsidiums ins Spiel. Die Behörde fordert eine Stellungnahme von der Schulleitung an und kann Gespräche, Mediationen oder im Extremfall rechtliche Maßnahmen anordnen. An einer Privatschule, wie die Waldorfschule eine ist, hat die Schulaufsicht in Fällen wie dem fraglichen allerdings nichts zu melden. Das müssen Eltern mit der Schule ausmachen, die dafür den sogenannten Vertrauenskreis eingerichtet hat. Ein Gremium, das aus Eltern und Lehrern besteht. In diesem Fall jedoch ist das nicht so einfach. „Wir wurden mit unseren Argumenten nicht gehört und hatten den Eindruck, dass die Schule die Angelegenheit einfach aussitzt“, sagt Frau Müller. „Das Ergebnis der Gespräche hat den Erwartungen der Familien nicht entsprochen“, sagt dagegen Felix Maier, der Geschäftsführer der Waldorfschule. Zu den Vorwürfen selbst äußert sich die Schule nicht. Nur so viel: „Immer mehr Eltern versuchen, wenn sie sich nicht verstanden fühlen, auf ein möglichst breites Verständnis zu stoßen, indem sie zum Beispiel versuchen, andere Eltern von ihrer Sichtweise zu überzeugen“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme der Schule – die erst im Winter in den Schlagzeilen war.
Ein Vater hatte in einem viel beachteten Blog berichtet, dass sein Sohn von einem Mitschüler so schlimm gemobbt worden sei, dass er bald nach der Einschulung die Schule wieder verlassen habe. Der Lehrerin – dieselbe, die auch im aktuellen Fall in der Kritik steht – warf der Vater damals vor, nichts unternommen zu haben, auch wegen Verstößen gegen die Fürsorgepflicht erstattete er (folgenlos) Anzeige. Felix Maier verteidigte die Kollegin damals. Die Vorwürfe des Vaters seien unbegründet gewesen. Und viele Eltern lobten sie als „wunderbare“ und „engagierte“ Lehrerin. Das änderte nichts an dem Shitstorm, der über der Schule niederging.
Familie Müller hat ihre Tochter für das neue Schuljahr auf einer staatlichen Schule angemeldet. Auch ihre fünf bisherigen Klassenkameraden kehren dem Prinzip Waldorf den Rücken und besuchen ab September staatliche Gymnasien oder Realschulen.
Die Schule bedauert, dass es nicht gelungen sei, „die Unzufriedenheit versöhnlicher zu lösen“. Die fragliche Klasse wird so viele Schüler haben wie bisher. Für das neue Schuljahr gab es viele Anmeldungen. Ob es dann ruhiger wird am Engelberg? Das könnte helfen bei der Bewertung dieses Konflikts.