Konkursbuch Verlag aus Tübingen Mit „Waschküchenpornografie“ fing alles an

Von Rolf Spinnler 

Der Tübinger Konkursbuch Verlag hat im Stuttgarter Literaturhaus sein 35-jähriges Bestehen gefeiert. Er bewege sich, so Literaturhausleiter Florian Höllerer, ungezwungen und virtuos zwischen den Polen Erotik und literarischer Avantgarde.

Die Verlegerin Claudia Gehrke kann drei Jubiläen feiern. Foto: dpa
Die Verlegerin Claudia Gehrke kann drei Jubiläen feiern. Foto: dpa

Tübingen - Feste soll man feiern, wie sie fallen. Der Tübinger Konkursbuch Verlag von Claudia Gehrke kann aktuell sogar drei Jubiläen begehen: den sechzigsten Geburtstag der Verlegerin vor wenigen Tagen, die Verlagsgründung am 1. April vor 35 Jahren und die Etablierung des erotischen Jahrbuchs „Mein heimliches Auge“ vor dreißig Jahren. Aus diesem Anlass hatte Claudia Gehrke einige ihrer Autorinnen und Autoren zu einer Revue ins Stuttgarter Literaturhaus eingeladen, auf der die ganze Bandbreite des kleinen Tübinger Verlags vorgeführt werden sollte. Der bewege sich, so der Literaturhausleiter Florian Höllerer in seiner Begrüßung, ungezwungen und virtuos zwischen den Polen Erotik und literarischer Avantgarde und habe genau darin sein Alleinstellungsmerkmal gefunden.

Angefangen hat alles im literarischen Salon, den Claudia Gehrke während ihrer Studienzeit in Tübingen führte. Zusammen mit dem Japanologen Peter Pörtner, der heute Professor an der Uni München ist, hat Gehrke dort den Plan für die Zeitschrift „Konkursbuch“ ausgeheckt, die mit dem Themenschwerpunkt „Vernunft und Emanzipation“ im Frühjahr 1978 zum ersten Mal erschien. Der Titel spielte auf das „Kursbuch“ an, die legendäre Zeitschrift der wilden sechziger Jahre, markierte aber zugleich schon so etwas wie die in den späten Siebzigern aufkeimende postmoderne Skepsis gegenüber denjenigen, die genau zu wissen glaubten, welcher Kurs einzuschlagen sei. Das Programm des Verlags, der sich aus dieser Zeitschriftengründung entwickelte, setzte stattdessen eher auf die Abweichungen und Abschweifungen von der geraden Linie des Fortschritts und der Vernunft.

Dann kam die Erotik ins Spiel

Erotik im Heft

So kam, als Thema der sechsten Nummer der Zeitschrift, 1980 die Erotik ins Spiel. Das Heft veröffentlichte neben erotischen Texten von damals noch unbekannten Autoren wie Bodo Kirchhoff auch Fotos aus den 1920er Jahren, die Claudia Gehrke im Literaturhaus als „Waschküchenpornografie“ charakterisierte. Das habe damals eine Welle der Empörung ausgelöst, aber auch zu begeisterten Zuschriften geführt. Damit war das Konzept für das „Jahrbuch der Erotik“ geboren, das 1982 unter dem Titel „Mein heimliches Auge“ zum ersten Mal erschien, 1999 einen Prozess wegen des Vorwurfs der Pornografie erfolgreich überstanden hat und im kommenden Herbst bereits mit der 28. Ausgabe aufwarten kann.

Weil es „die“ Sexualität nicht gibt, sondern nur „Sexualitäten“, wie Gehrke ganz politisch korrekt formulierte, hat das „Heimliche Auge“ längst Gesellschaft von „Mein lesbisches Auge“ und „Mein schwules Auge“ bekommen. Männer kommen also im Verlagsprogramm durchaus vor; aber Gehrke konnte dem Moderator Manfred Heinfeldner vom SWR, der durch den Abend führte und vom „Frauenverlag“ sprach, nicht völlig widersprechen. Das Verhältnis zwischen Autorinnen und Autoren belaufe sich auf achtzig zu zwanzig, gab die Verlegerin zu.

Einer dieser Männer war sogar anwesend: der Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, der kurz sein soeben erschienenes Buch „Don Quijotes Erben“ vorstellte, einen Streifzug durch die Geschichte des europäischen Romans. Ansonsten aber beherrschten die Autorinnen den Abend: Sonja Ruf mit einem Versuch über die Pubertät, Sigrun Casper und Anne Bax mit Texten, die der Verwandtschaft zwischen Kochen und Küssen, Kulinarik und Erotik nachspürten.

Wanderin zwischen den Welten

Und natürlich war auch Yoko Tawada da, der Star unter den Autorinnen des Konkursbuch Verlags. Die Japanerin, die sowohl auf Deutsch als auch auf Japanisch schreibt, verkörpert als Wanderin zwischen den Welten ganz perfekt die Verlagsidee, die da lautet: Grenzüberschreitungen zwischen Sprachen und Kulturen, zwischen Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und Altersstufen, zwischen Bild und Text, zwischen Unterhaltungsliteratur und Avantgarde.

Japan, Korea, Kanaren

Sie schätze den Verlag, weil der alle ihre Bücher verfügbar halte und nicht nach einer bestimmten Zeit ausmustere, begründete Yoko Tawada die ungebrochene Treue zu ihrer Tübinger Verlegerin. Neben Japan und Korea bilden die Kanarischen Inseln, etwa mit dem auf Teneriffa geborenen Sabas Martín, einen weiteren wichtigen Stützpunkt auf der literarischen Landkarte des Verlags, und zwar die Kanaren jenseits der Touristenklischees.

Kann man mit diesem Programm überleben? Sie schramme zwar immer mal wieder am Konkurs vorbei, bekannte Claudia Gehrke, und einen erotischen Bestseller wie „Shades of Grey“ habe sie auch noch nicht produziert – aber sie blicke dennoch zuversichtlich auf die nächsten 35 Jahre.