Bereits fünfmal war dieses Konzert angesetzt gewesen, bis es am Donnerstagabend endlich stattfinden konnte. Corona, Lockdowns und Krankheit hießen die Übeltäter, die ab 2020 ein fünfmaliges Verschieben verursachten. Im Rahmen eines von der Böblinger Waldorfschule initiierten „Frieden jetzt!“-Projektes, sollte der deutsche Liedermacher und Poet Konstantin Wecker Teil einer zweitägigen Veranstaltung sein zu der 4000 Gäste erwartet wurden.
Poetisch tiefgründiges Programm
Neben dem Auftritt Weckers waren damals Infostände geplant, eine Friedensmesse von Karl Jenkins, Workshops und vieles mehr. Sogar Mahatma Gandhis Enkel wollte an diesen beiden Tagen Vorort sein. Der indische Pazifist, der in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum geistigen und politischen Anführer der indischen gewaltfreien Unabhängigkeitsbewegung wurde, hat den Satz geprägt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden – Frieden ist der Weg!“
Ganz in diesem Sinne positionierte sich auch Wecker in der Böblinger Kongresshalle, wo er zusammen mit Pianist Jo Barnikel mit dem Format „Solo zu zweit“ ein poetisch tiefgründiges Programm zum Besten gab. „Ich bin froh, dass ich die Eintrittskarte überhaupt noch gefunden habe“, bekannte Willi Horny aus Ehningen vor der Veranstaltung. So mag es auch manch anderem ergangen sein, der das Eintrittsticket schon vor drei Jahren erstanden hatte. „Fünfmal abgesagt, das hat es in meiner fast 50-jährigen Karriere noch nie gegeben“, staunte auch Wecker, als er schließlich auf der Bühne stand – vor ihm eine Fangemeinde, die ihm drei Stunden lang an den Lippen klebte.
Genug Nahrung für die pazifistische Haltung
Seine humorvolle Seite zeigte der Künstler gleich zu Beginn, als er nach dem ersten Lied zugeben musste, dass sich da Elemente aus Beethovens Neunter Sinfonie hineingemogelt haben: „Ich hatte beim Komponieren einfach verdrängt, dass ich das vor 200 Jahren schon mal geschrieben hatte!“ Ansonsten waren von Wecker eher Sätze mit Tiefgang zu hören, die er zum einen in Form einer Dichterlesung von sich gab, zum anderen zur wunderbaren Piano-Begleitung von Jo Barnikel und seiner eigenen Tastenkunst sprach oder sang.
Nahrung für seine pazifistische Haltung gibt es derzeit mehr als genug. Der Krieg in der Ukraine ist ja nicht das einzige Krisengebiet. Mit „Frieden ohne Kompromisse“ könnte man Weckers Botschaft umschreiben. Dass sich die Gewalttäter an der Gewaltausübung freuen und bereichern würden, könne er ja noch verstehen, aber dass sich die Geknechteten mit wehenden Fahnen knechten ließen, sei für ihn schwer nachvollziehbar. Es seien die Erstarrten, die das Geschick der Welt lenken würden. Nur die Liebe, das wertschätzende Gespräch und ein offenes Ohr könne dem entgegengesetzt werden. Jedenfalls wurde in Weckers Vorträgen deutlich, dass der Umgang mit den derzeitigen Konflikten nur ein Holzweg sein kann, der zu immer mehr Blutvergießen führt.
Bissiger Wecker
Wohl seinem Alter geschuldet, beinhaltete der erste Teil des Abends einen Einblick in seine eigene Biografie, die stark von seinem antifaschistischen, poetischen und musikalischen Elternhaus geprägt ist. Das hatte mit der proklamierten schwarzen Pädagogik zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nichts am Hut. Im Gegenteil, Wecker wuchs fast antiautoritär erzogen auf und kam früh in Kontakt mit der Muse, was sein weiteres Leben entsprechend stark beeinflusste.
„Sehr poetisch, das Kämpferische fehlt mir noch“, bemerkte Besucher Klaus Haidle aus Sindelfingen in der Pause. „Unterhaltsam und bewegend“, fand es Barbara Breitling von der Waldorfschule. Heidi Moosberger aus Stuttgart schätzte den Publikumskontakt ohne Starallüren und Wolfgang Schmidt aus Entringen hätte es gerne noch etwas politischer gehabt.
Nah am Publikum
In der zweiten Halbzeit kam dann auch der etwas bissigere Wecker zum Vorschein. Er erzählte von seinen Kontakten zu den kritischen Geistern und prägenden Größen ihrer Zeit Nikis Theodorakis, Erich Fried, Lucio Dalla oder Hans-Peter Dürr und gab schließlich Hits wie „Questa nuova Realtà“ (Grenzenlos) zum Besten, als er durch die Reihen ging und dem Publikum fast hautnahen Kontakt gewährte. Kämpferisch und zart, das sind die Pole zwischen denen sich Wecker bewegt. Authentizität ist für ihn mehr als ein Wort.
Nach mehreren Zugaben sichtlich gerührt, konstatierte Besucherin Stephanie Moser aus Neuffen: „Ein Wecker-Konzert braucht es ab und zu, um wieder aufrecht durchs Leben zu gehen!“