Konstantin Wecker in Stuttgart Polit-Pop mit Lennon und Ghandi
Der bayerische Liedermacher gab sich politisch bei seinem Gastspiel im Beethovensaal – und blickte in Versen und Erinnerungen zurück auf sein eigenes Werden.
Der bayerische Liedermacher gab sich politisch bei seinem Gastspiel im Beethovensaal – und blickte in Versen und Erinnerungen zurück auf sein eigenes Werden.
Nein, auf dieser Bühne leuchtet kein Weihnachtsbaum. Konstantin Wecker, geboren am 1. Juni vor 75 Jahren in München, ist mit seiner Jubiläumstournee nach Stuttgart gekommen. Mehr als zweieinhalb Stunden wird er singen, spielen, rezitieren; oft hält er an diesem Abend ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Aber niemals spielt er eine Melodie, die die Glöckchen klingeln lässt.
Wecker streunt durch sein Werk. Er gibt daraus mehr weniger bekannte als bekannte Lieder zum Besten, in oft kammermusikalischen Arrangements, mit hervorragenden Musikern. Und er ist mehr denn je politisch. „Wir müssen den Frieden gewinnen, nicht den Krieg“, sagt er und singt: „Wenn unsere Brüder kommen, mit Bomben und Gewehren, dann woll‘n wir sie umarmen, dann woll‘n wir uns nicht wehren.“
Überraschen dürfte dies kaum. Wecker gehörte neben Reinhard Mey zu jenen deutschen Künstlern und Intellektuellen, die im April 2022 einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichneten und sich gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine aussprachen. Nun trägt er seine Haltung vor, mit der Leidenschaft und Schärfe, die man von ihm gewohnt ist. Er spielt im Beethovensaal vor 1450 Zuhörern, die er ganz auf seiner Seite weiß: Wenn Konstantin Wecker sich mit altem Feuer zum Pazifismus bekennt, dann brandet dort spontan Applaus auf.
Wecker trägt auch sein Lied „Utopia“ vor. Der Text ist eine freie, dem Original im Geiste aber sehr nahe Übersetzung von John Lennons „Imagine“: „Ihr nennt mich gerne einen Spinner / der nicht passt in unsre Zeit / doch ihr lebt in einem Albtraum / mein Traum ist die Wirklichkeit“. Wecker zitiert Ghandi und Erich Fried, er liest ein langes Gedicht, das er über die Ermordung Pasolinis schrieb, er zitiert Ernst Bloch und Henry Miller. Er erinnert sich an seinen Mentor Hanns Dieter Hüsch und an eine frühe Begegnung mit Carl Orff, den er zu seinen wichtigsten musikalischen Vorbildern zählt – und so wird das Konzert auch zu einer Erzählung vom Werdegang des Künstlers in vielen Liedern, Gefühlen, Erinnerungen.
Begleitet wird Konstantin Wecker von Jo Barnikel an den Keyboards, von Jürgen Spitschka, Professor an der Stuttgarter Musikhochschule, an Schlagzeug und Percussion, von Fany Kamerlander am Cello. Einmal wechselt Kamerlander an den E-Bass, spielt ein wohlbekanntes Motiv, und Konstantin Wecker liefert Scat-Gesang zum Tenorsaxofon-Spiel von Norbert Nagel: „Take a Walk on the wild Side“.
Nagel, seit vielen Jahren wieder an Weckers Seite und ihm heute ein vollwertiger Ersatz für Charlie Mariano, sorgt für einige musikalische Highlights. Und Konstantin Wecker singt schließlich auch ein Duett mit der Liedermacherin Sarah Straub, die bis dahin im Publikum auf ihren Auftritt wartete.
Was vor Jahren noch ein ganz gewöhnlicher Abend mit Konstantin Wecker gewesen wäre, dem überaus begabten Musiker und Selbstdarsteller, dem politischen Träumer und Pazifisten, das müsste im Jahr 2022 für viele zu einer echten Provokation werden. Nur: Die sind gar nicht da.
So feiert Konstantin Wecker sein eigenes künstlerisches Friedensfest. Er singt „Gracias a la Vida“, stimmt zuletzt ein italienisches Gute-Nacht-Lied an, breitet die Arme aus – und sagt von Weihnacht noch immer kein Wort.