Konstanzer Münster Blick von der Lieben Frau zur Kurtisane

Ein erhabener Bau: das Konstanzer Münster – aufgenommen mit einer Fotodrohne – im Abendlicht Foto: Achim Mende
Ein erhabener Bau: das Konstanzer Münster – aufgenommen mit einer Fotodrohne – im Abendlicht Foto: Achim Mende

14 Jahrhunderte war das Konstanzer Münster das Wahrzeichen der früheren Bischhofsstadt – bis die Imperia kam. Seit 1993 macht sie dem Gotteshaus den Rang streitig, Symbol für die Stadt zu sein.

Konstanz - Unerträgliche Hitze, wie so oft in diesem Sahara-Sommer. Die Stadt kocht. Ein Glutofen, der den Asphalt aufsprengt, das Hirn zerfrisst und die Menschen kirre macht. Was läge näher als in eine Kirche zu flüchten, die Kühle und Ruhe verspricht? Im Münster zu Konstanz aber dampft die Luft so schwer wie im brasilianischen Dschungel. An der Kasse für den Turm kann man die Schwüle kaum aushalten. Kein Lüftchen, nirgends. Zwei Euro kostet die Turmbegehung zu Konstanz. Eine Gruppe ab zehn Personen bekommt Rabatt.

Wie hält die Frau im Kassenhäuschen das nur aus? Sie hat sich dran gewöhnt. Als Rentnerin verdient sich etwas dazu, seit ihr Mann tot ist. Fast vier Stunden dauert ihr Dienst an der Kasse. Sonst mag sie nicht viel sagen. Die Kirche hat es ihr verboten. So ist das mit der Kirche.

Das Konzil von 1414 bis 1488 als Jahrmarkt der Eitelkeiten

Einen Platz auf einer Bank im vorderen Teil des Mittelschiffs suchen, da soll es angeblich kühler sein. Dann innere Einkehr finden. Dazu sind doch Kirchen da. Oder? Das Konstanzer Münster hat ein wunderbar großes Mittelschiff. Das liegt am romanischen Ursprung. Es ist eine der größten romanischen Kirchen in Süddeutschland. Seine Gründung geht auf die Zeit um 600 zurück. Damals wurde Konstanz Bischofsstadt. Zwölf Jahrhunderte lang diente die Kathedrale den Bischöfen. Das Bistum reichte vom Gotthard bis Stuttgart und von Ulm bis Vorarlberg und von Bern bis Freudenstadt. Konstanz war die größte deutsche Diözese. 1821 verlagerte Papst Pius VII. den Sitz der Oberrheinischen Kirchenprovinz nach Freiburg, wo sie bis heute nahezu unverändert geblieben ist. Ein Schlag, von dem sich Konstanz noch immer nicht erholt hat.

Doch daran mag man am Bodensee nur ungern erinnert werden. Konstanz denkt lieber an das Konzil zurück, als von 1414 bis 1418 die größten Versammlung der Christenheit stattfand. Ein riesiger, vier Jahre währender Jahrmarkt der Politik und der Eitelkeiten, der die Oberen von Kirche und Staat zusammen brachte, darunter Kaiser Sigismund mit Gefolge, außerdem 33 Kardinäle, 346 Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe, 2148 weltliche Doktoren sowie 546 Vorsteher und Glieder der Mönchsorden anzog. Alle mit Pferden und zahlreichen Begleitern, so dass die Stadt aus allen Nähten platzte. Insgesamt beherbergte die Bodenseestadt damals geschätzte 50 000 bis 70 000 Besucher. Nur beim 1. und 2. Vatikanische Konzil kamen noch mehr Würdenträger zusammen.

Hier bewältigte die römisch-katholische Kirche ihre größte Krise vor der Reformation, die ihren Absolutheits- und Machtanspruch dann grundsätzlich in Frage stellte. Das Konzil beseitigte das Schisma der drei Päpste und erneuerte den Hegemonialanspruch der römisch-katholischen Kirche. Am „Obere Hof“, an der südlichen Münsterseite, fand im Jahr 1417 ein wahrhaft weltgeschichtliches Ereignis statt, als hier der aus der Konstanzer Konklave hervorgegangene Papst Martin V. gewählt wurde – die einzige Papstwahl auf deutschem Boden.

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