Konsum geht zurück Ist Alkohol out?
Deutsche trinken immer weniger Alkohol, und in sozialen Medien wird ein nüchterner Lebensstil gefeiert. Haben Bier, Schnaps und Co. ausgedient, oder spielen nur andere Drogen eine größere Rolle?
Deutsche trinken immer weniger Alkohol, und in sozialen Medien wird ein nüchterner Lebensstil gefeiert. Haben Bier, Schnaps und Co. ausgedient, oder spielen nur andere Drogen eine größere Rolle?
Ein kleiner Blick in die Welt der Rekordtrinker: Als der schnellste Biertrinker gilt der US-Amerikaner Steven Petrosino. Er kippte 1977 einen Liter Bier in 1,3 Sekunden, ein Sprint. Auf der Langstrecke brillierte der Brite Peter Dowdeswell: Er soll 90 Pints, also etwas mehr als 50 Liter, in drei Stunden getrunken haben. In der Natur gilt das Federschwanz-Spitzhörnchen aus Malaysia als der größte Trinker. Es zecht jede Nacht vergorenen Bertam-Palmensaft mit einem Alkoholgehalt von 3,8 Prozent. Das entspricht laut einer Arbeit von 2008 im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“ einer täglichen Menge von neun Gläsern Wein bei einer erwachsenen Frau. Das Spitzhörnchen bleibt dabei aber nüchtern, es kann Alkohol gut abbauen.
Abseits dieser Rekorde ist die Zeit der großen Trinker aber wohl vorbei. Der durchschnittliche Alkoholkonsum sinkt seit Jahren. Wurden 1980 in Deutschland pro Kopf noch 15,1 Liter reinen Alkohols konsumiert, waren es 2020 noch zehn Liter, wie aus Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hervorgeht. Auch bei Bier, dem mit Abstand am meisten konsumierten alkoholischen Getränk in Deutschland, geht der Konsum über die Jahre gesehen zurück: 2008 waren es 111 Liter pro Kopf und Jahr, 2022 noch knapp 92 Liter, so Zahlen eines Industrieverbands. Und in sozialen Medien wird unter Hashtags wie #soberlife ein nüchternes Leben gefeiert. Ist Deutschland also dabei, ein abstinentes Land zu werden? Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte.
Um das Jahr 1500 hätten etwa die Bewohner Hamburgs jeweils etwa 900 Liter Bier pro Jahr getrunken, wenn auch teils mit geringerem Alkoholgehalt, sagt der Berliner Historiker und Soziologe Hasso Spode. In diesen Zeiten sei ausschließlich in Gruppen getrunken worden, und das durchaus auch exzessiv. Wenn einer trank, mussten alle trinken, damit keiner nüchtern zurückbleibt. „Das diente der Stiftung des Wir-Gefühls in einer Wahlgruppe. Das war auch sehr nützlich in Zeiten ohne Staat und Polizei“, sagt Spode. Der Alkohol schaffte Zusammengehörigkeit.
Mit dem Beginn der Moderne um 1800 habe sich der Alkoholkonsum geändert, sagt Spode, seither gebe es einen Wechsel von asketischen und hedonistischen Phasen. Tonangebend seien dabei die mittleren Schichten, „die haben immer die Tendenz, sich über ihre Lebensstile als moralisch wertvoll darzustellen“.
Um das Jahr 1900 sei der Alkoholkonsum etwa so hoch gewesen wie heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe dann eine hedonistische Phase begonnen, nach der Gewalt und den Entbehrungen wollte man es krachen lassen, dazu kamen die Wirtschaftswunderjahre. Spode studierte Anfang der 1970er Jahre. „Damals war alles erlaubt, saufen, kiffen, rauchen ohne Ende. Man war nicht ängstlich, was die Zukunft angeht“, sagt Spode. Dann folgte der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums, die Ölkrise, Arbeitslosigkeit. „Das hat den Sieg einer negativen Perspektive eingeleitet, die wir bis heute haben“, sagt Spode. „Wir leben seither in einer asketischen Phase.“
Fakt ist: Trotz leicht sinkender Mengen wird in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern viel Alkohol getrunken. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet die Bundesrepublik auf Rang fünf unter den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum. Es wird knapp doppelt so viel getrunken wie im globalen Durchschnitt. Mehr als 40 000 Menschen sterben laut dem Alkoholatlas Deutschland hierzulande vorzeitig an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Durch alkoholbedingte Krankheiten, Unfälle und Arbeitsausfälle entstehen demnach jedes Jahr 57 Milliarden Euro Kosten. Warum tun wir uns das an?
„Alkohol dockt im Gehirn an ähnlichen Stellen an, die stimuliert werden, wenn wir positive Nachrichten erhalten“, sagt Maurice Cabanis, der die Klinik für Suchtmedizin und abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart leitet. Serotonin und Dopamin werde ausgeschüttet, was ein Glücksgefühl herbeiführt. Menschen würden diese Wirkung unterschiedlich einsetzen. Manche nutzten Alkohol, um Ängste und Traumata selbst zu behandeln. Es gebe zudem den Rauschkonsum, bei dem man etwa auf das Wochenende hinwarte, um dann ordentlich zu feiern und sich zu betrinken. „Aber es gibt auch eine Genusskomponente“, sagt Cabanis.
Die Wirkung der Serotonin- und Dopamin-Ausschüttung, das durch Alkohol herbeigeführte Glücksgefühl lässt bei ständiger Wiederholung nach. Man braucht dann mehr Alkohol, um dieselbe Wirkung erzielen zu können. Eine Spirale, die zur Sucht führen kann. Für Frauen sei empfohlen, nicht mehr als ein kleines Glas Wein oder ein kleines Bier täglich zu trinken, bei Männern ist es das Doppelte, erklärt Cabanis. Wobei es gesünder sei, regelmäßig kleinere Mengen zu trinken als einmal viel, weil sich der Körper daran gewöhne, mit dem Alkohol umzugehen und ihn abzubauen. Zwei Tage pro Woche müsste man ohne Alkohol bleiben, sonst handle es sich um riskanten Konsum. Und die Zahl der Menschen, die riskant konsumieren, werde auch nicht weniger.
Aber zumindest unter Jugendlichen sank der Anteil derjenigen, die regelmäßig Alkohol trinken, zwischen 2001 und 2021 um die Hälfte auf dann noch knapp neun Prozent. „Das hängt auch damit zusammen, dass mehr Cannabis konsumiert wird“, sagt Maurice Cabanis. Der Konsum stieg in den vergangenen zehn Jahren an.
Wie wird es mit dem Alkohol weitergehen? Unsichere Zeiten wie aktuell begünstigten immer eher eine asketische Phase, sagt Historiker Spode. Aber: „Wir werden an den Punkt kommen, dass die Askese den Leuten auf den Keks geht.“ Dann könnte wieder wesentlich mehr Alkohol fließen.
Empfehlung
7,9 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, so Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. Das heißt, sie überschreiten die Menge, die etwa von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung als maximal tolerierbare tägliche Menge gesehen wird. Bei Frauen sind das 10 Gramm Reinalkohol täglich. Das entsprich etwa 0,25 Liter Bier oder einem Achtelliter Wein. Bei Männern ist es die doppelte Menge.
Beratung
Infos zu Hilfsangeboten des Klinikums Stuttgart rund um Sucht findet man unter www.klinikum-stuttgart.de/sucht. Wochentags ist die Suchtberatungsstelle tagsüber unter 07 11 / 2 78 - 2 93 00 erreichbar.