Kontaktabbruch zu den Eltern Mama, Papa, ich will euch nie wiedersehen!

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Eltern fallen oft aus allen Wolken, wenn die eigenen Kinder den Kontakt abbrechen. Doch die Betroffenen haben meist einen langen Leidensweg hinter sich. Was sind die Gründe? Und kann eine Annäherung wieder gelingen?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Frei wollte sie sein. Deshalb hat Sandra Fritsch den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Immer wieder hat sie sich von ihrer Mutter bevormundet gefühlt. „Ihre Meinung war die einzig wahre“, erzählt die heute 38-Jährige, die anders heißt. Ihre ganze Kindheit über habe ihre Mutter ihr den Eindruck vermittelt, ihre Meinungen, Wünsche und Träume zählten nicht. Bei schwierigen Lebenssituationen unterstützte die Mutter sie nicht. Häufig sei sie ihr sogar in den Rücken gefallen. Nach vielen Streitereien zog sich die damals 30-Jährige zurück. Fast zwei Jahre lang rief sie nicht an, kam nicht zu Besuch. Die Eltern verstanden das nicht. Sie versuchten immer wieder, Kontakt aufzunehmen, doch Fritsch hatte ihnen zu dem Zeitpunkt nichts zu sagen.

 

Trotz jahrelanger Streitereien kommt ein Kontaktabbruch für Eltern oft aus dem Nichts. Danach beginnt für sie häufig eine Zeit voller Verzweiflung und Scham. Sie fürchten, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ihr Kind nicht mehr mit ihnen sprechen möchte. Viele Betroffene erzählten in der Therapie, ihr Kind habe „von einem Tag auf den anderen“ den Kontakt abgebrochen, sagt Sandra Konrad, Psychologin in Hamburg.

Das Kind hat oft schon einen langen Leidensweg hinter sich

Was Eltern meist ausblenden: Das Kind hat bis zu diesem Punkt oft einen langen Leidensweg hinter sich. Viele Mütter und Väter empfinden „eine wahnsinnige Ohnmacht“, sagt Konrad, „und einen heftigen Trennungsschmerz, der körperlich wehtun kann“. Häufig versuchten sie, den Kontakt wieder aufzunehmen. Wenn die Versuche erfolglos bleiben und Eltern die Gründe nicht verstehen, werde gerne ein Sündenbock gesucht. Dann ist zum Beispiel die neue Freundin des Sohnes schuld daran.

Rund 100 000 Erwachsene in Deutschland haben den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, so schätzen Soziologen. Sandra Konrad glaubt, dass die Dunkelziffer noch viel, viel höher liegt. Häufig gab es in der Familie der Betroffenen Gewalt oder Missbrauch. Mitunter litten die Eltern an schweren psychischen Krankheiten oder die Kinder fühlten sich schlicht nicht geliebt. Fast immer drückt der Kontaktabbruch sehr große Not aus. Wenn Kinder zu Hause nicht sicher sind, weil sie etwa emotionalem oder körperlichem Missbrauch ausgesetzt sind und die Eltern nicht bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen, kann das Kappen aller Verbindungen die Rettung sein. „Manchmal braucht es einen Kontaktabbruch, um sich selbst zu schützen“, erklärt Konrad, die sich mit dem Thema in ihrem Buch „Das bleibt in der Familie – Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten“ befasst hat.

Oft empfänden Kinder die Eltern auch als übergriffig und überbehütend – so wie Fritsch. Oder das Familienleben sei schlicht von Lieblosigkeit geprägt. „Kinder, die den Kontakt abbrechen, fühlen sich häufig entwertet oder massiv kontrolliert“, sagt Konrad. „Es gibt keine Familie, in der es keine Konflikte gibt, aber wie sich die entwickeln, hängt vom Umgang damit ab.“ In vielen Familien mangle es an gesunder Bindungs- und Konfliktfähigkeit. „Oft brauchen die Kinder eine Pause von den als sehr destruktiv erlebten Beziehungen zu ihren Eltern.“

Die Familie kann man nie wirklich hinter sich lassen

Wenn Kinder alle Verbindungen zur Familie kappen, passiere das meist an der Schwelle zum Erwachsenwerden, mit Beginn der Ausbildung oder des Studiums und dem Einstieg in den Beruf. Auch neue Partnerschaften oder eigene Kinder können eine andere Dynamik in die Beziehung zu den Eltern bringen und dazu führen, dass diese als unbefriedigend empfunden wird, sagt Alexandra von Tettenborn, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität München.

Viele der erwachsenen Kinder träumen wie Sandra Fritsch davon, endlich frei zu sein. Doch ist das wirklich das Ergebnis? „Die Familie kann man nicht hinter sich lassen“, sagt Sandra Konrad. „Wir sind durch sie geprägt und an sie gebunden. Über Kontinente und Generationen, sogar über Kontaktabbrüche und den Tod hinaus.“ Viele Kinder, die Abstand von ihren Eltern genommen haben, fühlen sich zunächst erleichtert. Doch oftmals entstehen laut Konrad dabei auch Schuldgefühle. Denn es gebe eben diese gesellschaftliche Norm, dass man sich mit seinen Eltern verstehen müsse. „Und natürlich gibt es diese kindliche Sehnsucht nach einer heilen Familie, nach Eltern, die uns verstehen und lieben. Davon Abschied nehmen zu müssen ist schmerzhaft.“

Studien zeigen, dass sowohl Eltern als auch Kinder am stärksten unter dem „sozialen Stigma“ litten, sagt von Tettenborn. Viel mehr, als das Geschehene zu reflektieren und sich mehr auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren, können verlassene Eltern trotzdem selten tun. Eine ständige Kontaktaufnahme ist meistens ein Fehler, weil sich die Kinder dann erst recht wieder bevormundet fühlen.

Ein Kontaktabbruch muss nicht das Ende sein

Nicht immer geht die Beziehung zwischen Eltern und Kindern endgültig in die Brüche. „Häufig verläuft das in Zyklen“, sagt Konrad. In einigen Fällen kann es irgendwann wieder zu einer Annäherung oder zu einer Versöhnung kommen. Vor allem wenn Eltern beginnen, ihren eigenen Anteil an den Konflikten zu erkennen, und sich für ihr Fehlverhalten entschuldigen – wenn sie Verantwortung übernehmen. „Das ist oft der Türöffner“, sagt Konrad. Wenn Kinder sich wirklich gesehen und wertgeschätzt fühlten, könnten sie anfangen, wieder zu vertrauen. „Aber es ist ein Prozess – und beide Seiten müssen sich da bewegen.“

Auch Sandra Fritsch hat den Kontakt irgendwann wieder zugelassen. „Als ich das Gefühl hatte, sie fangen an, mich endlich ernst zu nehmen“, erzählt sie. Heute sieht sie vieles differenzierter. „Ich habe das gebraucht, um endlich erwachsen zu werden“, sagt die 38-Jährige. „Ich musste erst einmal allein herausfinden, was ich will im Leben.“ Inzwischen sehen sie sich wieder häufiger. Ein Herz und eine Seele sind sie nicht. Vieles kann sie noch immer nicht verzeihen, die übergriffige Art hätte die Mutter nie abgelegt. „Man akzeptiert sich irgendwie, weil es halt Familie ist“, sagt die 38-Jährige. „Aber Liebe empfinde ich nicht mehr.“

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