Kontrolliertes Trinken Nur ein bisschen weniger Alkohol
Abstinenz galt lange als einziger Weg aus der Alkoholabhängigkeit. Doch für manche ist das ein zu gewaltiger Schritt. Sie versuchen es lieber mit kontrolliertem Trinken.
Abstinenz galt lange als einziger Weg aus der Alkoholabhängigkeit. Doch für manche ist das ein zu gewaltiger Schritt. Sie versuchen es lieber mit kontrolliertem Trinken.
Stuttgart - Der Abend, an dem der Alkohol das erste Mal zu seiner Bedrohung wurde, war ein typischer Abend auf Geschäftsreise. Nach den Terminen war Frank auf sein Hotelzimmer gegangen und hatte das Fernsehprogramm durchgezappt, alles langweilig. Also ging er in die Hotelbar. Frank weiß nicht mehr, ob er den Abend alleine verbrachte. Auch nicht, wie spät es wurde. Es gab viele ähnliche Abende in den 30 Jahren als Vertriebsmanager. Aber dieser war anders. Als Frank am nächsten Morgen im Hotelbett aufwachte, war es halb elf. Er hatte seinen Termin um neun verschlafen, das war noch nie passiert.
Heute sagt Frank, dieser Abend vor fünf Jahren sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Die Situation habe ihn innerlich bedroht. Vielleicht, weil er an den Spruch seines Vaters dachte: Wer saufen kann, kann auch aufstehen. Vielleicht, weil auf einmal klar wurde, dass ihm der Alkohol die Kontrolle genommen hatte.
Es ist ein Mittwochvormittag, über den Straßen der Stuttgarter Innenstadt hängt noch der Nebel. Frank, 60, ruhige Stimme, Lachfalten, ist das, was man gepflegt nennen würde: ein schlanker, mittelgroßer Mann. Er trägt einen grünen Wollpulli, oben guckt der schwarze Hemdkragen raus. Frank heißt eigentlich anders, aber weil er in der Stadt bekannt ist, will er nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Kaum jemand weiß, dass er diese Sucht hat. Er sieht nicht aus wie jemand, der ein Alkoholproblem hat.
Ganz so einfach ist das auch nicht. Frank sagt von sich selbst, dass er kein Alkoholiker sei, zumindest kein richtiger. Er sagt das gleich, nachdem er die Tür zu seiner Wohnung geöffnet hat, und er wiederholt es noch ein paarmal. Ein Alkoholiker, das ist für ihn jemand, der ständig einen gewissen Pegel haben muss, damit ihm die Hand ruhig bleibt. Einer, der schon morgens den ersten Schnaps kippt. Aber Frank trinkt ja nicht ständig. Etrinkt nur mehr, als er will. Und mehr, als gesund ist. „Ich bin ein Vieltrinker. Und ein Gewohnheitstrinker.“
Die Wohnung ist hell und geräumig. Über der Couch hängt ein Kunstdruck von Picassos Friedenstaube, auf der alten Holzvitrine stehen ein paar Whiskey-Flaschen. Vom Esszimmer sieht man über die Dächer Stuttgarts: den Turm der Marienkirche, die Ausläufer der Karlshöhe. Frank stellt einen Becher Kaffee auf den Tisch: kein Alkohol vor 17 Uhr, das ist die Regel, und jetzt ist es gerade mal halb elf.
Seit jenem Abend vor fünf Jahren kam ihm immer wieder der Gedanke, dass es zu viel ist mit dem Alkohol. Die Schorle beim Mittagessen. Das Glas Wein abends beim Kochen. Die Whiskey-Flasche zum Bügeln: ein Hemd, ein Schluck zur Belohnung. Der Gang zum Kühlschrank, wenn die Partnerin ins Bett geht. Und in der Kneipe immer zwei mehr als die anderen. „Es schleichen sich so Mödele ein.“ Diese unnötigen Gewohnheiten nehme man irgendwann gar nicht mehr wahr. Das sei das Tückische.
Vor ein paar Monaten hat er eine Randnotiz in der Zeitung gesehen: ein Kurs für Leute, die nicht aufhören zu trinken, sondern ihr Trinkverhalten reduzieren, kontrollieren wollen. Er kannte die Anonymen Alkoholiker, aber völlige Abstinenz wäre für ihn nicht infrage gekommen. Er wolle ja nicht aufhören, sagt er, er wolle einfach ein bisschen weniger trinken. Was da in der Zeitungsnotiz über das kontrollierte Trinken stand, fand er gut: „Sein Konsumverhalten eigenständig in Grenzen halten.“ Nicht nur was für richtige Alkoholiker, sondern auch was für Leute wie ihn. Also meldete er sich an.
Frank legt einen blauen Ordner auf den Tisch. „Handbuch“ steht darauf. In langen Tabellen sind hier die genauen Alkoholwerte für Bier, für Wein, für Schnaps aufgelistet. Eine Halbe Bier: eine Einheit. Ein Viertel Wein: eine Einheit. Drei kleine Schnäpse: eine Einheit. Es gehe darum, sein Trinkverhalten genau zu kennen, sagt Frank. Und sich dann eigene Ziele zu setzen, um es zu reduzieren.
Als er im vergangenen Herbst mit dem zehnwöchigen Kurs bei der Caritas angefangen hat, war er bei sechs Einheiten pro Tag. Dann bei fünf, dann bei vier, manchmal drunter. Medizinisch gesehen, sagt er, seien zwei Einheiten okay – plus zwei alkoholfreie Tage in der Woche. Erst recht für ihn mit seinem Diabetes und dem Herzflimmern. „Vier Einheiten müssen die Obergrenze sein“, sagt er.
Der Ansatz des kontrollierten Trinkens ist sehr umstritten, obwohl es seit einigen Jahren vielerorts Angebote gibt, die zum Teil auch von den Krankenkassen bezuschusst werden. Als der Psychologe Joachim Körkel die Methode in den 90er Jahren in Deutschland bekannt machte, bekam er sogar Morddrohungen. Wer alkoholabhängig sei, hätte keine Kontrolle, sagen die meisten Experten: Dann könne es lebensgefährlich sein, weiter zum Glas zu greifen. Das kontrollierte Trinken wurde als Methode für Süchtige daher lange abgelehnt. Abstinenz galt als einziger Weg aus der Abhängigkeit.
Körkel, heute an der Evangelischen Hochschule Nürnberg tätig, hat nie bestritten, dass die Abstinenz für manche der richtige Weg ist. Nur eben nicht der einzige. Denn viele Betroffene wollten gar nicht aufhören zu trinken. Und das sei mit ein Grund dafür, dass die klassische Suchthilfe nur etwa fünf Prozent der Alkoholiker erreiche. Dazu komme die hohe Rückfallquote von 50 Prozent nach einem Jahr bei jenen, die versuchten, abstinent zu sein. „Auch eine allmähliche Reduktion kann erfolgreich sein“, sagt Körkel. Dahinter steht für ihn die Annahme, dass kleine Erfolge den Menschen Selbstvertrauen und eine Art Veränderungsoptimismus geben. Und dass angelerntes Verhalten wie starker Alkoholkonsum wieder umgelernt werden könne.
Kann das funktionieren? Als Frank vor 34 Jahren mit dem Rauchen aufhörte, ging das von einem Tag auf den anderen. 80, 90 Zigaretten vorher, keine einzige nachher. Warum sollte es beim Alkohol anders sein? Frank legt die Stirn in Falten: Nichtraucher sein sei einfach, sei ganz normal. Wer keinen Alkohol trinke, sagt er, falle aber auf in der Gesellschaft. Neulich war er bei einem Jubiläumsfest, ganz edel, da habe ihm die Bedienung einfach ein Glas Wein nach dem anderen nachgeschenkt – „überbedient“.
Im Kurs von der Caritas haben sie jede Woche darüber gesprochen, welche Methoden helfen, um weniger zu trinken. Da war der Mann, der nun nicht mehr mit dem Taxi heimfährt, sondern den letzten Bus nimmt, damit es nicht ausufert mit dem Alkohol. Oder der Pfleger, der seine Schnapsdepots bei der Arbeit weggeräumt hat und jetzt die Freunde meidet, mit denen er zu viel trinkt.
Das Schwierige sei, sagt Frank, dass man mit sich selbst ehrlich sein muss. Waren es heute schon zu viele Einheiten? Wie viele Ausreden darf es geben, wenn man die eigenen Ziele nicht erreicht hat? Glaubte man alles, was die Leute im Kurs zum kontrollierten Trinken so erzählten, könne man denken, niemand dort hätte ein Problem, sagt Frank. „Viele belügen sich selbst.“
Alkohol ist ein Mittel gegen Stress, Sorgen, Einsamkeit. Das hat Frank oft gehört von Kumpels, Kollegen, von den anderen im Kurs. Für ihn sind das Ausreden. Aber so richtig weiß er auch nicht, warum er selbst immer zum dritten, zum vierten, fünften Glas greift. Er sagt: aus Mangel an Alternativen. Weil er als Diabetiker keine Softgetränke trinken kann. Weil guter Wein schmeckt und er ja nichts Billiges trinkt.
Weil der Alkohol eben immer dazugehört hat. Schon beruflich. Frank war für die Arbeit jahrelang in ganz Süddeutschland unterwegs. Es gab Wochen, da hat er dreimal im Hotel übernachtet. Tagsüber Geschäftstreffen, Veranstaltungen, Geschäftsessen. Abends die Hotelbar. Was hätte er auch sonst tun sollen? Wenn Frank von dieser Zeit erzählt, spricht er von großem Aufwand, Überstunden, Vertrauensarbeitszeit, fehlenden Wochenenden. Bis vor vier Jahren ging das so mit der ewigen Fahrerei, dann war er eine Weile im Innendienst, und schließlich hat er ganz aufgehört. Nicht wegen des Alkohols, sondern wegen des Diabetes und der Herzrhythmusstörungen. Trotzdem würde er nicht sagen, dass er aus Frust oder Ärger zur Flasche gegriffen hat. Oder aus Einsamkeit.
Alkohol war für Frank nie negativ belegt. Es ist nicht so, dass er plötzlich laut wird oder aggressiv, wenn er trinkt. Manchmal habe er sich früher auf Diskussionen eingelassen, die eigentlich unnötig gewesen wären. Manchmal wurde der Ton ein bisschen rauer. Aber die Situation sei nie eskaliert. Es ist auch nicht so, dass Frank am nächsten Tag einen Kater hat. „Vielleicht die Gewöhnung“, sagt er. Und vielleicht sei genau das auch das Problem: Dass er die negativen Folgen von dem vielen Alkohol nicht unmittelbar spürt, nie wirklich gespürt hat. Dass er noch nicht mal sagen kann, ob es anders wäre ohne den Alkohol, ob er anders wäre.
Frank dreht ein Bonbonpapier zwischen seinen Fingern, erzählt weiter. Er fand nie etwas dabei, nach der Arbeit noch in die Kneipe zu gehen statt direkt nach Hause. Er merkte nicht, wie sehr der viele Alkohol seine Frau störte. Wenn sie ihn frustriert anguckte, trank er umso mehr. Die Streits mit ihr wurden häufiger. „Ersatzkriegsschauplätze“ nennt Frank das heute. „Ich wollte nicht wahrhaben, dass der Alkohol Auswirkungen auf die Beziehung hatte.“ Erst nach der Trennung vor vier Jahren kam langsam die Erkenntnis.
Er schenkt Kaffee nach. In einer Viertelstunde muss er los. Zwei-, dreimal die Woche arbeitet er in einer Wirtschaft – so lange, bis er Rente bekommt. Aus der Küche hört man die Radionachrichten, Staumeldungen. Frank murmelt was von Verkehrsplanung. Er kennt sich aus mit Stadtpolitik.
Das kontrollierte Trinken sei der richtige Weg für ihn, sagt er. Er zählt jetzt jeden Tag Einheiten. Trinkt zwischendurch ein Glas Sprudel, weil dann der Magen einfach schneller voll ist. Und versucht, auf die Gewohnheiten zu verzichten. Nur seien zehn Kurs-Sitzungen zu wenig gewesen. Man werde nachlässig, wenn man nicht gezwungen sei, regelmäßig zu berichten. Vielleicht geht er mal zur Selbsthilfegruppe der kontrollierten Trinker, sagt er. Zwei alkoholfreie Tage die Woche schaffe er noch nicht. Er überlegt: Die Handballübertragung im Fernsehen, dafür geht er am nächsten Tag auf jeden Fall in die Kneipe, er will ja auch seine Bekannten treffen. Zum Essen am Abend, da mag er nicht auf den Wein verzichten. Und vor dem VfB-Spiel am Samstag Wasser zu trinken kommt nicht infrage.
Vier Einheiten am Tag. Man könne schon sagen, dass er immer noch süchtig sei, meint Frank. Nur mit ein bisschen mehr Kontrolle als früher. Und mit ein bisschen weniger Belügen. Er wolle das schon wirklich, sagt Frank. „Aber ich bin noch nicht am Ende des Wegs.“