Konzern gibt sein Forschungslabor auf Für Böblingen endet die Ära IBM

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Der Konzern gibt sein Forschungslabor am Traditionsstandort auf. Am Montag sind die 1700 Beschäftigten über die Entscheidung informiert worden. Sie sollen künftig in einem Neubau in der Ehninger Deutschlandzentrale arbeiten.

Die Anfänge des Böblinger Forschungslabors gehen zurück bis in die Zeit der Lochkartenmaschinen. Foto: factum/Bach
Die Anfänge des Böblinger Forschungslabors gehen zurück bis in die Zeit der Lochkartenmaschinen. Foto: factum/Bach

Böblingen/Ehningen - Die Mitarbeiter konnte die Botschaft nicht mehr überraschen. Dass ihr Arbeitsplatz künftig nicht mehr in Böblingen sein wird, sondern im nur wenige Kilometer entfernten Ehningen, hatte der Deutschlandchef von IBM bereits im Februar angekündigt – seinerzeit allerdings noch versehen mit einem Fragezeichen. Die letzte Entscheidung ist in der vergangenen Woche in der Konzernzentrale in den Vereinigten Staaten gefallen. Am Montag wurde die Böblinger Belegschaft offiziell informiert.

Der Öffentlichkeit teilte der Konzern die Nachricht in drei kargen Sätzen mit, die sich nicht auf das Aus für den Standort Böblingen konzentrieren, sondern auf den Ausbau der Deutschlandzentrale in Ehningen. „Wir werden dort bauen“, sagt der Unternehmenssprecher Michael Kiess, „für alles Weitere ist die Entscheidung noch zu frisch“. Der Beginn der Bauarbeiten am künftigen Standort ist für das Ende des nächsten Jahres geplant. „Vorbehaltlich aller notwendigen Genehmigungen.“

In Ehningen kommen künftig auf 9000 Einwohner 5700 IBM-Mitarbeiter

Zumindest dürfte garantiert sein, dass die Verwaltung der Gemeinde sich bemühen wird, auch kleinste Hürden aus dem Weg zu räumen. Aktuell 4000, künftig 5700 Menschen arbeiten in Ehningen für IBM. Die Gemeinde zählt etwas mehr als 9000 Einwohner. Schon als das Umzugs-Gerücht in Umlauf kam, hatte der Ehninger Bürgermeister Claus Unger mit sieben Hektar Neubaufläche gelockt.

Wie innig der Computerkonzern einst mit der Stadt Böblingen verbunden war, daran erinnert noch immer der IBM-Klub in direkter Nachbarschaft zum Unternehmen. In 39 Abteilungen messen sich die Mitglieder in Hobby-Disziplinen, gleich ob Fußball, Golf, Motorradfahren oder Malerei. Allerdings spiegelt die Entwicklung des Vereins die des Konzerns. Im Jahr 2000 zählte der IBM Klub noch mehr als 6600 zahlende Mitglieder. Als die Zahl fünf Jahre später auf 3600 geschrumpft war, fühlte sich eine Gruppe Engagierter gar zur Revolte gegen die Vereinsführung genötigt.

Böblingen ist keineswegs die einzige Stadt, die sich mit IBM-Brachen befassen muss

Am Standort Böblingen ist seit 1953 das IBM-Forschungslabor untergebracht. Der Betrieb in der Denkfabrik des Computerkonzerns begann mit acht Mitarbeitern. Seit den Sechzigern wuchs der Standort stetig. Aktuell belegt IBM auf dem Schönaicher First eine Fläche von acht Hektar. Eine nachfolgende Nutzung ist naturgemäß gänzlich offen. Kiess hatte unter anderem den Modernisierungsbedarf der Bauten als Gründe für einen möglichen Wegzug genannt. Allerdings mussten sich in der Vergangenheit schon etliche andere Gemeinden mit der Verwendung von Brachen befassen, die IBM hinterlassen hatte. In Stuttgart-Vaihingen steht seit zehn Jahren ein Gelände von der Größe eines Stadtteils leer, der Eiermann-Campus. Pläne zur Wiederbelegung sind in Arbeit. 2020 soll mit dem Bau von 1400 neuen Wohnungen begonnen werden. In Herrenberg wird das Land ein einstiges IBM-Schulungszentrum für sich nutzen. Dessen Umbau zur Polizeischule hat jüngst begonnen.

Das Labor in Böblingen ist das letzte IBM-Forschungszentrum des Konzerns in Europa. Aufgebaut hatte es der gebürtige Sindelfinger Karl Ganzhorn. Seinerzeit verkaufte der Konzern noch Lochkartenmaschinen. Ganzhorn stieg zum Chef aller Laboratorien in Deutschland, Österreich und Schweden auf. Für sein Verdienste um die Informatik wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

Die Stadt Böblingen fühlte sich am Montag außerstande, zum Aus für den Traditions-Standort eine Stellungnahme abzugeben. Ihr Pressesprecher Fabian Strauch ließ lediglich wissen, die Entscheidung sei im Rathaus nicht bekannt.




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