Konzernumbau Siemens verkauft Tochterfirma in Konstanz

Briefsortiermaschinen (unser Bild) und Anlagen zur Paket- und Gepäcksortierung zählen für Siemens nicht mehr zum Kerngeschäft. Foto: Siemens AG
Briefsortiermaschinen (unser Bild) und Anlagen zur Paket- und Gepäcksortierung zählen für Siemens nicht mehr zum Kerngeschäft. Foto: Siemens AG

Siemens will seine Logistiksparte abstoßen und mit ihr die in Konstanz gefertigten Briefsortieranlagen. 900 Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze.

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Stuttgart - Konstanz droht nach dem Abbau von fast 2000 Arbeitsplätzen beim Pharmariesen Takeda (vormals Nycomed beziehungsweise Altana) in den vergangenen fünf Jahren ein weiterer großer Aderlass an industriellen Arbeitsplätzen. Der Siemens-Konzern will in der Universitätsstadt mit ihren 85 000 Einwohnern Brief- und Paketsortierung abstoßen. In Konstanz ist auch die Forschung.

Der Logistikbereich, zu dem auch die hauptsächlich in Nürnberg angesiedelte Paket- und Gepäcksortierung zählt, erwirtschaftete zuletzt 900 Millionen Euro Umsatz. Von dem Konzern aber wird der Bereich nur als Randaktivität und mäßig rentabel eingestuft. Am Hauptsitz in Konstanz fürchten 900 Menschen um ihren Arbeitsplatz. 1400 Mitarbeiter werden in Deutschland in der Logistiksparte beschäftigt, in Nürnberg sind rund 300 und in Frankfurt gut 100 Mitarbeiter. Weltweit sind 3600 Arbeitsplätze von dem Verkauf betroffen. An wen die Sparte veräußert werden soll, ist jedoch wie vieles andere noch unklar.

Die geschockte Konstanzer Belegschaft erfuhr gestern Nachmittag in einer eineinhalbstündigen Mitarbeiterversammlung von den zuständigen Siemens-Geschäftsführern Sami Atiya und Jörg Ernst die Hiobsbotschaft. Durch eine Pressemitteilung des Konzern war die Neuigkeit bereits am Abend zuvor verbreitet worden. Zeitgleich hatte der Betriebsrat anlässlich einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses davon erfahren. Der Betriebsratsvorsitzende Claus Schreijäck kritisierte das Vorgehen als stillos. „So etwas sind wir nicht gewohnt“, sagte er. Weder habe der Konzern den Betriebsrat vorher gewarnt, wie dies gesetzlich vorgeschrieben sei, noch nähere Gründe für den Verkauf genannt, so Schreijäck.

Rendite leicht über Branchenschnitt

Der Konzern begründet seine Verkaufsabsicht mit einer zu geringen Umsatzrendite in diesem Bereich. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung liegt die Ergebnismarge jedoch noch leicht über dem üblichen Branchenschnitt von vier Prozent. „Siemens aber fordert das Doppelte“, kritisiert Raoul Ulbrich, 2. Bezirksbevollmächtigter der IG Metall, in Singen. Das sei schlicht nicht darstellbar. Die Geschäftsleitung konzentriere sich immer mehr darauf, den Profit zu erhöhen – und das „auf dem Rücken der Beschäftigten“. Da sei der Weltkonzern Siemens nicht besser als „irgendeine Heuschrecke“. „Für die Region ist das ein massiver Schlag“, meinte Ulbrich, der einen Personalabbau „im dreistelligen Bereich“ befürchtet und massiven Widerstand sowohl der IG Metall wie auch des Betriebsrates ankündigt. Es gelte eine unbefristete Beschäftigungsgarantie für Siemens-Mitarbeiter.

Der Konzern will diesen Bereich offenkundig an einen mittelständischen Mitbewerber abgeben. Jedenfalls ließ dies Jörg Ernst, Chef von Logistics und Airport Solutions, in seiner Einlassung anklingen. Es sei unklug, dieses Ansinnen erst groß auf dem Marktplatz zu verkünden und dadurch die Mitarbeiter und die Kunden zu verunsichern, monierte Betriebsratschef Schreijäck. Es sei auch fraglich, ob man auf diese Weise den besten Preis für die Traditionsfirma bekomme, die früher zur AEG und davor zur Telefunken zählte.

Bei der Briefsortierung ist Siemens dank einer innovativen Technik zur Zeichenerkennung Weltmarktführer. Weil aber der internationale Briefverkehr durch den E-Mail- und SMS-Verkehr stetig abnimmt, gilt diese Sparte als wenig zukunftsträchtig. Zuletzt war der größte Kunde, die finanziell angeschlagene US-Post, verloren gegangen. Siemens hatte sich auf Paketbeförderung und Flughafenlogistik konzentriert. Hierbei habe sich Siemens bei Investition in Forschung und Entwicklung zu sehr zurückgehalten, so IG-Metall-Mann Ulbrich.

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