Konzert beim Festival „Faszination Neapel“ Stuttgarter Blutwunder in St. Leonhard
Frieder Bernius führt mit seinem Kammerchor und Barockorchester zum Auftakt des Festivals „Stuttgart Barock“ Sakralwerke von Pergolesi auf.
Frieder Bernius führt mit seinem Kammerchor und Barockorchester zum Auftakt des Festivals „Stuttgart Barock“ Sakralwerke von Pergolesi auf.
Ein recht rabiater Herrgott, der da Häupter zerschmettern und selbst das mächtige Haupt erheben wird, nachdem er wie ein wildes Tier aus dem Sturzbach getrunken hat. Der 109. Psalm lässt den göttlichen Wüterich los, unzählige Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts haben ihn musikalisch eingefangen. „Dixit Dominus“, so der lateinische Textanfang, ist der wohl meistvertonte aller Psalmen. Bei Giovanni Battista Pergolesi wird in der entsprechenden Passage die Wortfolge selbst zertrümmert: Hier der Zorn Gottes, dort die schmetternde Faust, dann wieder, fast zärtlich mit seinen synkopierten Terzen, das Bild vom trinkenden Gottestier und das klanggestisch erhobene Haupt; letzteres ein Beispiel für Pergolesis Kunst der organisch eingebundenen Textdeutung jenseits barocker Holzhammerrhetorik. Selbst was zertrümmert wird, hinterlässt hier kein Trümmerfeld, sondern fügt sich zu blitzender Anmut und Würde. Die revolutionäre Eleganz dieser Musik läuft freilich Gefahr, durch ihre epochalen Folgen spätere Gehörgänge zu blockieren. Wer sie mit den Ohren der Wiener Klassik hört, hört nicht den Aufbruch, nur das Vorläufige.
Nichts von solchem Rokoko-Konfekt, auch nicht im idiomatisch dafür am ehesten anfälligen „Laudate pueri“, bei Frieder Bernius, seinem Kammerchor und Barockorchester. Zum Auftakt des Festivals „Stuttgart Barock“ haben sie in der Leonhardskirche den Neapolitaner in originärer Größe auferstehen lassen. Bernius vermag wie kein anderer, mit seinen fantastischen Chor Klanggipfel zu errichten, die überragend, aber keine Massive sind; sondern luzide und elastisch statt hochgestemmt und aufgespannt. Solch kraftvoll-geschmeidige Transparenz trifft ideal sowohl die durch Generalpausen gesteigerte Dramatik der „Dixit“-Eröffnung als auch die charakteristische Kontrapunktik von Bewegung und Pfundnoten-Statuarik, etwa in der Schlussfuge des Psalms oder im Christe eleison der „Missa Romana“ mit den monumental vergrößerten Quintfällen im Bass. Die mehrchörige Messe streckt sich zwar nach mehr Raumklang als in St. Leonhard möglich, doch Bernius hat die Dimensionen auch in der Begrenzung grandios ausgelotet, vom Spannungsaufbau des ersten, im Orchester ausfedernden F-Dur-Akkords bis zur Schlussstretta.
Die stark geforderte Sopranistin Hannah Morrison zog leuchtend klare Linien, hatte aber Probleme mit dem Stimmansatz. Deshalb quietschte es bisweilen im Scharnier, im „Domine Deus“-Duett versagte sogar mal die Stimme. Mit der sich der robuste Kontratenor Benno Schachtners nicht so recht mischen wollte – ohnehin ein Solo-Stimmtyp, den es in der italienischen Musik nicht gab.
Ansonsten bewahrheitete sich das Festival-Motto „Faszination Neapel“ in sinnlichster Spiritualität: Als wär’s das Blutwunder von San Gennaro, hat Bernius die Musik Pergolesis verflüssigt zu lebendigem Puls.