Konzert in Weil der Stadt „Seid umschlungen“ als Appell an die Menschheit

Von Alexander Walther 

Die Chorvereinigung und der Liederkranz Ditzingen begeistern mit Beethovens 9. Sinfonie.

Ludwig van Beethoven fordert die Sänger der Chöre. Foto: factum/Andreas Weise
Ludwig van Beethoven fordert die Sänger der Chöre. Foto: factum/Andreas Weise

Weil der Stadt - Ethische Haltung und lapidare Wucht kommen in Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie in d-Moll opus 125 immer wieder eindrucksvoll zum Vorschein. Dies arbeitete der versierte Dirigent Kai Müller mit der fulminanten Chorvereinigung Weil der Stadt, dem Liederkranz Ditzingen („City-Chor“) und dem Concerto Tübingen in bemerkenswerter Weise heraus. Dabei wurde die kantatenhafte Einbeziehung der Menschenstimmen in die Sinfonie von kritischen Stimmen in der Vergangenheit auch gerügt. Beethoven stellte enorme Anforderungen an die Interpreten.

Facettenreiches Orchester

Der erste Satz Allegro ma non troppo begann bei dieser subtilen Wiedergabe leise und geheimnisvoll. Das konturlose Chaos des Nichts konnte man so erahnen. Dann erst formte sich aus den Dreiklangs-tönen der Grundtonart gebieterisch das gezackt niederstürzende Hauptthema. Die neue Energie strahlte hier eindringlich hervor – und auch der vielgestaltige Komplex des Seitenthemas kam nicht zu kurz. Es war ein kurzes und verbissenes Motiv, das Kai Müller hier mit dem facettenreichen Orchester gut herausarbeitete. Das thematische Material beherrschte außerdem die Durchführung. So offenbarte sich der gewaltige Kampf zwischen Hell und Dunkel vor allem bei den Crescendo-Steigerungen. Auch die Scherzoform des zweiten Satzes Molto vivace wurde vom Concerto Tübingen unter der Leitung von Kai Müller sehr gut betont. Hart und jäh erklang das eintaktige Kopfmotiv, das nach seiner viermaligen Wiederholung engste Beziehungen zum Hauptthema des vorigen Satzes besaß.

Dirigent Kai Müller. Foto: factum
Leise und gespenstisch jagte es in einem knisternden Fugato daher, schwoll drohend an und hielt hartnäckig an seinem Rhythmus fest. In den Holzbläsern kam ein fast dämonisch lustiger Gedanke zum Vorschein. Ein trio-ähnlicher Mittelteil mit Taktwechseln signalisierte bei dieser Wiedergabe deutlich das aneinandergekoppelte Kopfmotiv. Die Dur-Melodie hatte dann plötzlich Beziehungen zum „Freudenthema“ des Schlusssatzes.

Erdenfern blühte das Adagio des dritten Satzes auf. Der Gesang in den Violinen wirkte dabei überirdisch. In sanfter Entrückung schwang sich die Melodie nach oben. Dann steigerten beide Melodien bei dieser subtilen Wiedergabe ihre erhabene Intensität. Es war das Credo einer edlen Seele. Zum Abschluss überzeugte die ausgezeichnete Wiedergabe des monumentalen Finales mit der Schiller-Ode „Freude schöner Götterfunken“. Wild und unerbittlich wirkte der grelle Ausbruch zu Beginn ohne Streicher. Mit einem wuchtigen Rezitativ antworteten die tiefen Streicher, die dann von einem neuen Ausbruch übertönt wurden. Wie Fetzen der Erinnerung erschienen die angedeuteten Hauptthemen der vorangegangenen Sätze.

Leidenschaftlich und zart

Immer leidenschaftlicher schob sich das Rezitativ dazwischen, bis Oboe und Fagotte fast zart auf die Melodie der Freudenhymne anspielten. Die vier wunderbar aufeinander abgestimmten Gesangssolisten Petra Labitzke (Sopran), Kathrin Koch (Alt), Adam Sanchez (Tenor) und Bernd Hofmann (Bass) gerieten zusammen mit der intonationsgewaltigen Chorvereinigung Weil der Stadt und dem Liederkranz Ditzingen in leidenschaftliche Begeisterung, die in dem jubelnden Höhepunkt gipfelte: „Und der Cherub steht vor Gott“. Bernd Hofmann gestaltete als Bassist die Sequenz „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!“ mit sonorer Klarheit. Mit Trommel, Triangel und Becken wurde die marschartige Episode „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ gestaltet.

Nach diesem Nachhall der Türkenkriege hob der Jubel der Freudenhymne geradezu enthusiastisch an. Völlig ins Überirdische gewendet wirkte die packende Passage „Über Sternen muss er wohnen“. Dabei zeigten die Chöre eine große Homogenität. Die Passage „Seid umschlungen, Millionen“ erschien wie ein ergreifender Appell an die Menschheit. Als grandiose Doppelfuge mit den Themen der Freudenhymne und des „Seid umschlungen“ schloss sich eine neue Steigerung an – und mit ekstatischer Begeisterung brauste der Schlussjubel dahin.

Ein glanzvolles Jubiläumskonzert im Rahmen von „185 Jahre Chorvereinigung Weil der Stadt“. Bürgermeister Thilo Schreiber sprach noch ein Grußwort zum Beethoven-Jahr 2020 und zu diesem besonderen Jubiläumskonzert.