Konzert SWR Symphonieorchester und Isabelle Faust Zweimal musikalisch zum Gipfel

Der kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada führte das Orchester triumphal durch den Abend. Foto: Werner Kmetitsch

Das SWR-Symphonieorchester hat in der Stuttgarter Liederhalle Strauss und Brahms musiziert. Wer diesen Abend gehört hat, dürfte ihn lange nicht vergessen.

Achtung, Satire! „Infolge der außerordentlichen Naturwahrheit der in der Symphonie vorkommenden Gletscherpartien empfiehlt es sich für Leute mit empfindlichen Augen, sich mit Schneebrillen zu versehen, die bei den Saaldienern zum Preise von M. 2.50 (Selbstkostenpreis) erhältlich sind. Statt der bisher üblichen Konzertführer werden Original-Bergführer dem Publikum zur Verfügung stehen.“

 

Außerdem, so schrieb die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ im Jahr 1915 anlässlich der bevorstehenden Uraufführung von Richard Strauss’ „Eine Alpensinfonie“, werde das extra für das Werk erfundene Blasinstrument „Jodlophon“ zum ersten Mal im Orchester zu hören sein.

Seelenmusik mit Rückenschauermomenten

Ein Spektakel, das machen diese launigen Zeilen deutlich, war ein Konzert mit Strauss’ letztem Orchesterwerk damals schon.

Und daran hat sich wenig geändert: Aufführungen sind selten, sind doch allein die besetzungstechnischen Anforderungen im üblichen Konzertbetrieb kaum realisierbar: Als wären Orgel, Donnerblech und Windmaschine nicht genug, fordert die Partitur 16 Hörner!

Das SWR-Symphonieorchester freilich hat sich nicht abschrecken lassen und das Werk nun unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada in einer, ja, triumphalen Weise am vergangenen Donnerstagabend in der Stuttgarter Liederhalle aufgeführt.

Der häufig geäußerte Vorwurf, es handele sich um rein deskriptiven Naturalismus, widerlegte der in Wien lebende, kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada mittels einer stringenten Dramaturgie, die den Gipfelsturm des Helden als menschliches Drama begreift, als psychologisch ausgedeutete Seelenmusik mit Rückenschauermomenten.

Wenn sich etwa in der Gipfelszene nach dem einsamen Oboenruf das Glück des Wanderers in gleißendem C-Dur quasi panoramahaft entfaltet. Aber auch jenseits solchen Klangrausches gelangen Dirigent und dem großartig aufspielenden Orchester an diesem denkwürdigen Konzertabend Momente größter Eindringlichkeit. Wer es gehört hat, dürfte es lang nicht vergessen.

Isabelle Faust mit Herz, Feuer und bezwingender Energie

Dabei hatte man an diesem Abend eine Gipfelbesteigung schon hinter sich: das Brahm’sche Violinkonzert nämlich mit der fabelhaften Isabelle Faust als Solistin, die auch Artist in Residence des SWR-Symphonieorchesters ist.

Im Gegensatz zur „Alpensinfonie“ ein häufig gespieltes Werk, das aber selten in derartig fesselnder Manier zu hören ist. Mit Herz, Feuer und bezwingender Energie setzte Isabelle Faust, unterstützt von einem ebenso hingebungsvoll agierenden Orchester, das Werk unter eine im besten Sinne ungemütliche Hochspannung, die in einem fulminant hingelegten Finale kulminierte.

Der Jubel im restlos ausverkauften Saal war ihnen sicher.

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