Konzert von Fontaines D. C. in Stuttgart Die irischen Rebellen elektrisieren

Blumen für die Fans: Fontaines D. C.-Sänger Grian Chatten im LKA. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die junge irische Band Fontaines D. C. hat im LKA gezeigt, warum sie als große Hoffnungsträger des Post-Punk gelten.

Vom ersten Moment an vibriert die Luft – Fontaines D. C. aus Dublin entfachen am Dienstag im LKA ein hypnotisches Brodeln, einen Bewusstseinssturm aus Emotionen. Als wäre er unter Strom, tigert der Sänger Grian Chatten im Kreis um seinen Mikrofonständer bis zur nächsten Verkündigung. Er deklamiert gerne, trägt seine intuitive, oft kryptische Lyrik mit Nachdruck vor.

 

Pulsierend strömt „A Lucid Dream“ vom zweiten Album „A Hero’s Death“ (2020) durch die Halle, und die Dynamik ist atemberaubend: Fontaines D. C. sind eine Kraftquelle, die auch ganz leise nicht an Spannung verliert. „Boys in the better Land“ und „Sha sha sha“ vom Punk-infizierten Debüt „Dogrel“ (2019) fliegen dem Publikum um die Ohren. Erdenschwer tönt „Big Shot“ von „Skinty Fia“ (2022), dem ersten Nummer-eins-Album der Band in Irland und Großbritannien.

Sie bringen ein Grundgefühl auf den Punkt

Ende der 70er lieferten Bands wie The Cure, Joy Division, The Clash, oder Bauhaus den Soundtrack zur Fröstel-Kulisse des Kalten Krieges. Den hat der Zündler Wladimir Putin nun neu entflammt, als hätte die Menschheit nicht andere Sorgen – und Fontaines D. C. bringen das damit einhergehende Grundgefühl auf den Punkt wie ihre Vorbilder. Die eine Hälfte der 700 Besucher ist über 50 und war damals dabei, die andere ist unter 30 und erlebt jetzt einen ihrer großen pophistorischen Momente. Fontaines D. C. stricken in einer weitgehend ausbuchstabierten Popkultur aus vielen Einflüssen ihren eigenen, unverwechselbaren Sound.

Bei aller Melancholie betätigen sie sich dabei auch mal als Lebensmutmacher: „Life ain’t always empty“, „Das Leben ist nicht immer leer“, skandiert Chatten in „A Hero’s Death“ und plädiert für Aufrichtigkeit: „When you speak, speak sincere / And believe me friend, everyone will hear“. Federleicht schwebend füllt der Ohrwurm „Jackie down the Line“ den Raum, während die Musiker ihr Spiel ineinanderweben. Sie verströmen Zusammengehörigkeit, nehmen ihre Platten gerne live auf, erlauben sich Virtuosität nur im Kollektiv.

Kämpfer für die gälische Sprache

Chatten, halber Engländer, bekennt sich offensiv zur Herkunft der Band. Er singt bewusst mit irischem Akzent, der Bandnamenszusatz „D. C.“ steht für „Dublin City“. Der gälische Albumtitel „Skinty Fia“ ist dem ausgestorbenen irischen Elch gewidmet.

Der Eröffnungssong „In ár gCroíthe go deo“ („Für immer in unseren Herzen“) hat gar eine Bürgerrechts-Aura. Fontaines D. C. haben sie einer Irin gewidmet, die lange im englischen Coventry lebte. Als sie dort 2018 starb, wollte die Familie den gälischen Satz, der nun zum Songtitel geworden ist, auf dem Grabstein verewigen, was ein Diözesangericht verbot – weil es glaubte, eine gälische Aufschrift könne als politischer Slogan missverstanden werden.

Inzwischen sind sie abtrünnig und leben sie in London

„Das hat uns Iren wirklich aus der Fassung gebracht, dass die irische Sprache immer noch als zu provokativ empfunden wird, um auf einem Grabstein zu stehen“, sagte Chatten der „Sunday Times. Die Band schrieb den Song, die Familie kämpfte, die Entscheidung wurde revidiert.

Der Bassist Conor Deegan und der Gitarrist Conor Curley reproduzieren live den verwunschenen gälischen Choralgesang, der die dunkle Hymne untermalt. Inzwischen sind Fontaines D.C. in die Musikmetropole London umgezogen, was ihre Karriere sicher befördern wird – und ihnen eine Außensicht beschert hat. Dramatisch wogt die Musik von „I love you“, als wären die Musiker auf hoher See, zu einer Liebeserklärung an Irland, hadernd, kritisch, getragen vom schlechten Gewissen Abtrünniger.

„Das ist der erste offen politische Song, den wir jemals geschrieben haben“, sagte Chatten dem „Rolling Stone. Die fünf jungen Iren sind eher sanfte Rebellen. Chatten spricht wenig mit dem elektrisierten Publikum. Dafür wirft er ihm Blumen zu – Gesten sind manchmal lauter als Worte.

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