Konzertbranche in Stuttgart Ärger über Stones-Konzertkarte für 20 Mark

Von Tilman Baur 

Hat der Geist der 60er Jahre in der Popmusik überlebt, oder ist das Geld übermächtig geworden? Ein Podiumsgespräch im Haus der Geschichte hat sich an Antworten versucht. Dabei ging es auch um teure Stones-Karten 1970 am Stuttgarter Killesberg.

Die Stones 1970 in Stuttgart. Die Karte gab’s für 20 Mark. Anlass für viele, über die hohen Kartenpreis zu schimpfen. Man rief sogar zum Boykott auf. Foto: Kraufmann
Die Stones 1970 in Stuttgart. Die Karte gab’s für 20 Mark. Anlass für viele, über die hohen Kartenpreis zu schimpfen. Man rief sogar zum Boykott auf. Foto: Kraufmann

Stuttgart - Die 60er Jahre gelten als erstes Jahrzehnt der globalisierten Musik: Rock, Beat und Pop traten einen Siegeszug an und verbreiteten sich auch in Baden-Württemberg wie ein Lauffeuer bis in die hintersten Ecken des Landes. Die stark politisierte Zeit war gleichzeitig von Aufbruch und Idealismus geprägt.

Unter dem Motto „Musik zwischen Revolte und Kommerz“ haben der Musikjournalist Christoph Wagner, Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier, Konzertveranstalter Michael Russ und Radiomoderator Stefan Siller am Donnerstag im Haus der Geschichte darüber gesprochen, was die Zeit ausgemacht hat. Und was 50 Jahre nach dem emblematischen Jahr 1968 von ihr in der Gegenwart übrig geblieben ist.

Als „Zeit ungeheurer Neugier“ erlebte Theaterhaus-Chef Schretzmeier die 60er Jahre: „Die Leute wollten raus aus den Verhältnissen, in denen sie täglich existiert haben, existieren mussten.“ Enge Verhältnisse seien das gewesen, das Leben außerhalb der Familie habe man oft als unerträglich langweilig empfunden.

Wunsch nach „etwas Anderem“ wurde laut

Der Wunsch nach etwas Anderem sei überall und ständig präsent gewesen. Wie dieses Andere aussehen sollte, habe niemand genau gewusst. „Die Musik war da ein entscheidender Identifikationspunkt“, so Schretzmeier. Bald formierten sich überall kulturelle Einrichtungen wie der Club Voltaire in Stuttgart oder die Manufaktur in Schorndorf. Man hörte Rockmusik, diskutierte und experimentierte mit Drogen.

Die Zahl 1968 sei da nur eine Marke, sagte der Musik-Journalist Wagner, der Wandel habe weit früher eingesetzt. Er beschrieb ein Rockkonzert in der Ravensburger Oberschwabenhalle zwei Jahre vorher. „Die jungen Leute sind mit Anzügen ins Konzert. Die Halle war geschmückt wie für eine Vereinsfeier; da standen Geranien in Blumentöpfen“, so Wagner. Doch die Musik traf einen Nerv der Jugendlichen. Es kam zu Tumulten und Krawallen.

Auch in Stuttgart ging es zunächst noch gesittet zu, bevor der Dämme brachen. 1969 spielte Jimi Hendrix zwei Konzerte in der Liederhalle – im bestuhlten Beethovensaal. Zu ersten Krawallen sei es bei einem Konzert der Band Canned Heat gekommen, erzählte Konzertveranstalter Michael Russ. Die Zuschauer hätten die Halle gestürmt, weil es ihnen zu teuer schien, neun Mark für das Konzert zu zahlen – eine Vorstellung, die heute absurd erscheint und das Publikum im Haus der Geschichte zum Lachen brachte.

Sorge über astronomisch hohe Konzertkartenpreise

Ticketpreise waren es auch, die Russ und Schretzmeier zu kurzzeitigen Gegenspielern machte. Als Russ 1970 ein Konzert der Rolling Stones auf dem Killesberg veranstaltete und 20 DM für die Karte verlangte, ging das einer Gruppierung um den Idealisten Schretzmeier zu weit.

Sie rief zum Boykott auf und verteilte Flugblätter: „Lasst uns wirklich frei Musik genießen. Vergesst die Stones. Lasst Euch nicht ausbeuten!“, war darauf zu lesen.

Heute zahle man zwischen 238 und 497 Euro für ein Stones-Konzert, merkte Moderator Stefan Siller an und fragte Russ, ob es überhaupt noch Grenzen gebe? „Bei den Stones scheinbar nicht“, sagte der trocken. Der Trend zu astronomischen Preisen mache ihm Sorgen. Man solle und dürfe sie nicht verlangen, und wer sie zahle, sei selbst schuld. „Aber die Nachfrage regelt den Markt, und viele glauben, dass sie vielleicht das letzte Stones-Konzert sehen“, so Russ.

Der antikommerzielle Idealismus der 60er Jahre lebe jedoch fort, auch heute gebe es noch Musik mit Haltung, sagte Wagner. Ohne Idealismus gründe ohnehin niemand eine Band. Denn die Erfolgsaussichten seien klein. „Es ist immer leicht, die Vergangenheit zu verklären und zu sagen: ‚Damals war alles besser!‘, aber das ist Käse“, so Wagner. Was hätten die 60er Jahre nun nachhaltig verändert, fragte Siller zum Schluss? Sie hätten einen größeren Toleranzraum geschaffen, sagte Christoph Wagner. Unverheiratet oder schwul zu leben, sei heute möglich. Das sei auf den Impuls zurückzuführen, bei dem auch Rock und Jazz eine große Rolle gespielt hätten. Theaterhaus-Chef Schretzmeier betonte das emanzipatorische Element. „Die Zeit hat das Verhältnis zwischen Männern und Frauen radikal verändert“, sagte er.

Michael Russ fasste die Zeit als „Aufschrei gegen das Establishment“ zusammen. Dieser habe Raum für Neues geschaffen.