Kostenexplosion in Freiberg am Neckar Sporthalle wird zum Millionengrab

Der Richtspruch für die Sporthalle im Freiberger Ortszentrum unter blauem Himmel statt – dunkle Wolken verdüstern hingegen den Finanzhimmel der Stadt. Foto: Andreas Essig

Der Neubau bei der Oscar-Paret-Schule in Freiberg wird zum finanziellen Desaster. Die Kommune muss noch mal mehr Geld hinblättern als geplant. Ein Ärgernis für die Stadt.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Stefan Kegreiß gilt als erfahren. In Freiberg steuert der Erste Beigeordnete seit zwölf Jahren die Finanzen. Den Fachbereich Bauen leitet er auch – aber gerade dort muss der Beamte nun eine bittere Pille schlucken. Das 92,7 Millionen Euro teure Großprojekt, der Neubau der Oscar-Paret-Schule mit Sporthalle, ist aus dem Ruder gelaufen. Das liegt vor allem an der Halle, die aktuell bei 14,5 bis 15 Millionen Euro liegt. Insgesamt rechnet die Kommune mit Mehrkosten von 5,7 Millionen Euro.

 

Das Mammutprojekt strebt dem Ende entgegen

Am Freitag feierten die Beteiligten Richtfest. Ausgelassene Freude wollte angesichts der stark gestiegenen Kosten aber nicht aufkommen. Die Stadträte dürften hingegen froh sein, Gewissheit über die Kosten zu haben: Nahezu alle Gewerke sind vergeben. Das Mammutprojekt strebt also dem Ende entgegen, die Halle soll im November 2024 in Betrieb gehen. Und sie wird dringend gebraucht, zumal der Schulsport und viele Vereine in der 16 000-Einwohner-Stadt auf sie angewiesen sind. Eine Sanierung der alten Stadthalle war der Kommune zu teuer.

Die traurige Geschichte um den Neubau der Sporthalle begann im Juli 2018, als die Welt noch frei von Corona-Beschränkungen und europäischem Kriegsgeschehen war. Der erste Dämpfer waren steigende Baupreise im Jahr 2019: Kegreiß musste das Gesamtbudget von 81 auf 87 Millionen Euro erhöhen. Der Neubau der Oscar-Paret-Schule sollte 75  Millionen Euro kosten, die neu zu errichtende Sporthalle 12 Millionen Euro.

Der Neubau der Oscar-Paret-Schule schaffte eine Punktlandung

Der Gemeinderat ging mit – die Bürgervertreter rieben sich aber die Augen, als die Baupreise im Zuge der Coronapandemie und des Kriegs in der Ukraine noch einmal kräftig anstiegen. „Mit der Schule sind wir im Sommer 2022 fertig geworden und schafften mit den 75 Millionen Euro eine Punktlandung“, sagte Stefan Kegreiß. Das Problemkind blieb die Sporthalle. Im Vorjahr stand der Gemeinderat im April dieses Jahres am Scheideweg. Zwei Monate nach Kriegsbeginn beschlossen die Stadträte nach intensiver Diskussion, das Projekt durchzuziehen. „Wir wollten nicht noch drei Jahre warten – die Kosten würden mit jedem Jahr weitersteigen“, erklärt Kegreiß, der einräumte: „Es war klar, dass es zu Mehrkosten kommt.“

Die jetzt festgestellten 5,7 Millionen Euro bewegen sich in einer Größe, die den Finanzexperten Kegreiß trotzdem ärgern. Er spricht von einem „sauren Apfel“, in den die Stadt beiße. Die Sporthalle war im Rohbau für drei Millionen Euro kalkuliert, jetzt koste dieser erste Bauabschnitt auch wegen gestiegener Stahlpreise fünf Millionen Euro. „Das ist ein Drittel des Preises, den wir für den Rohbau der Schule bezahlt haben – dort hatten wir aber ein Vielfaches an Arbeiten.“

Planer verwechselt Kubikmeter mit Tonnen

Als im Gemeinderat kürzlich über das Desaster diskutiert wurde, klangen auch Fehler der Planer an. Einer verwechselte Kubikmeter mit Tonnen und berechnete den Erdaushub auf die Hälfte der tatsächlichen Menge. Ein peinlicher Lapsus, den Stefan Kegreiß aber im Nachhinein für nicht so gravierend hält. „Uns sind dadurch keine Mehrkosten entstanden – wir hätten diese Menge ja so oder so entsorgen müssen.“

Weitaus ärgerlicher war die Feststellung, dass eine fünf Meter hohe Leiter zum Dach der Oscar-Paret-Schule nicht ausreichte, um künftig den Transport von Materialien für Arbeiten auf dem Dach zu gewährleisten. Die Planer verlängerten den Aufzug.

Versöhnliche Töne stimmte der Freiberger Bürgermeister Dirk Schaible beim Richtfest an. „Es war gut, die Zähne zusammenzubeißen.“ Der Bedarf an Sportflächen in der Kommune sei groß. Ein Gymnastikraum in der neuen Sporthalle bediene ebenfalls die Nachfrage. In einem Jahr soll dann auch der 1,3 Millionen Euro teure Sportpark in Betrieb gehen. Jung und Alt könnten sich ohne Vereinsbindung dann etwa auf einem Mini-Fußballfeld oder in der Leichtathletik versuchen. Eine Kalthalle werde zusätzlich Druck aus der Raumnot nehmen. Die Stadträte hatten sie mit Mehrkosten von 500 000 Euro durchgewinkt, weil vom Fußballfeld Bälle auf die Autobahn fallen könnten und ein umzäuntes Außenspielfeld weniger Möglichkeiten bieten würde. Zudem erschien die Kalthalle pflegeleichter und wertbeständiger.

Wie verkraftet der Freiberger Haushalt die Mehrausgaben?

Liquidität
 Die Stadt Freiberg verfüge über rund 20  Millionen Euro an liquiden Mitteln, erklärt Stefan Kegreiß. Die Kommune müsse deshalb kein neues Darlehen wegen der Mehrkosten aufnehmen. Die höheren Ausgaben seien seit Baubeginn schrittweise entstanden und verteilten sich auf die Etatjahre 2022 bis 2024.

Folgen
 Die Stadt wird für wichtige Projekte wie etwa den Neubau der Kasteneck-Grundschule in den kommenden Jahren wohl Darlehen aufnehmen müssen. Sie trägt aktuell eine Schuldenlast von 44 Millionen Euro, berichtet der Erste Beigeordnete. Man habe Kredite mit einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren mit einem Zinssatz von unter einem Prozent abgeschlossen.

Weitere Themen