Meterdicke Mauern mit uraltem Gebälk, teilweise geht es über Kopfsteinpflaster: Alleine der Gang durch den historischen Wehrgang der Stadtmauer Waiblingen, bei dem man auf ein paar Metern gefühlt in das Mittelalter versetzt wird, ist ein Erlebnis. Robert Boehm bleibt an einer Stelle stehen, an der aus einer Spalte aus der Mauer zartes Grün sprießt. Ohne den Fachmann wäre man wohl vorbeigeschlendert. „Die Mauerraute ist ein Überlebenskünstler“, sagt der Biologe. Daneben wächst das Zimbelkraut. Mauern und Ruinen bilden oft den Lebensraum von Zimbelkraut, wo es unverfugtes Mauerwerk besiedelt. Robert Boehm öffnet auf seinem Spaziergang die Augen für „Naturinseln“ in der Stadt wie er sagt. Diese nehmen aus seiner Sicht eine zunehmend wichtige Rolle ein, wenn Arten auf dem Land durch intensive Nutzung verloren gehen.
Pflanzen in der Stadt bieten wertvollen Lebensraum für nützliche Insekten
Dann geht er in die Knie und zeigt vor einem hölzernen Toreingang am Waiblinger Bädertörle auf die Pflasterfugen. Auch da gibt es grüne Schätze zu entdecken. Wie vielfältig die urbane Vegetation sein kann , sei es in privaten Gärten, dem Apothekergarten oder der Talaue – auf diese Entdeckungsreise nimmt der Pflanzenexperte seine Kursteilnehmer mit. Die Pflanzen in der Stadt bieten wertvollen Lebensraum und Nahrung für zahlreiche nützliche Insekten.
Wenige Meter entfernt vom Treffpunkt am Waiblinger Hallenbad, wo die Kurse starten, fällt eine weiße Blüte am Rand des Fußwegs auf. Die Wilde Möhre ist für Boehm ein Beispiel für eine Pflanze, die den Insekten gut tut. „Außerdem ist sie hitzetolerant“, sagt der Experte mit Blick auf den Klimawandel und die zunehmenden Trockenphasen. Der Botaniker freut sich auch über die Wegwarten, die mit ihren leuchtend blauen Blüten den Weg säumen und so ihrem Namen Ehre machen. Jeden Tag blüht eine neue Blüte, das sorge für eine lange Blühdauer. Außerdem bietet sie Nahrung für Wildbienen.
Buchstäblich auf Schritt und Tritt erfahren die Teilnehmer, welche Rolle das verschiedene Grün aus Sicht der Ökologie einnimmt. Was auf den ersten Moment mit knalligen Farben punktet wie die Geranien in den Blumenkästen, ist für die Insektenwelt wenig nützlich. Dem Biologen ist bewusst, dass es im Stadtgrün auch darum geht, einen guten Kompromiss zwischen ästhetischem Empfinden der Menschen und dem Nutzen für die Artenvielfalt zu finden. Die Mischung von Geranien, Salbei und anderen Blühpflanzen für Insekten im Blumentrog nahe des Wehrgangs sei da ein guter Weg.
Blickwinkel für eine neue Ästhetik : Wasserdost kann einen großen Auftritt haben
Einheimische Stauden spielen eine wichtige Rolle – der Wasserdost, der in einem der Rabatte vor dem Bürgerzentrum in die Höhe ragt, sei so ein Beispiel. Mit seinen rosafarbenen Blüten macht er eine gute Figur. Robert Boehm öffnet auch den Blick für eine neue Ästhetik. Manche Pflanzen, die man vorher weniger beachtenswert und attraktiv empfunden hat, bekommen durch seine Augen einen neuen Auftritt. Dazu zählt auch die Goldrute, die in einem Pflanzbeet mitten in der Altstadt in gelb blüht. Wildbienen, Schwebfliegen und viele weitere Insekten lassen sich an den Blüten beobachten.
Das Studium der Biologie und Botanik bietet das wissenschaftliche Fundament
Robert Boehm bietet seine Führungen, Vorträge und Mitmachaktionen im Rems-Murr-Kreis auch in Kooperation mit der Volkshochschule an. Firmen und private Gruppen können zudem auf ihre Zielgruppe zugeschnittene Kurse anfragen. Der Diplombiologe hat, wie er auf seiner Homepage deutlich macht, seine Liebe zur Natur und insbesondere den Pflanzen mit einem Studium der Biologie und Botanik auf ein solides wissenschaftliches Fundament gestellt. „Ars Herbaria“ heißt sein Beratungs-, Bildungs- und Mitmachangebot rund um heimische Wildkräuter, das in Winnenden ansässig ist.
Dass der Botaniker den Klimawandel im Fokus hat, ist spürbar. „Der Platz könnte ein, zwei Bäume mehr vertragen“, sagt er, als er am Waiblinger Marktplatz vorbeigeht, „die Bäume werden immer wichtiger in der Stadt“, als Schatten- und Sauerstoffspender und zur Kühlung. Besonders schwierige Lebensbedingungen habe ein Baum wie jener, der in seinem zugepflasterten „Beet“ an der Treppe zum Pfarrgarten aushalten muss.
Wie im Flug vergeht die Zeit, bis man am Pfarrgarten angelangt ist, einem der grünen Kleinode der Stadt. Boehm hätte noch mehr zu erzählen, etwa warum Brennnesseln ein Pluspunkt in Stadt und Garten sind. Seinen privaten Garten, den er als „kontrollierte Wildnis“ mit seiner Frau gestaltet, öffnet er regelmäßig beim Tag der offenen Gartentür. Auch das Fernsehen war zu Gast, zu sehen unter „Privatgärten im Südwesten“. Einen Vorschlag hat der Biologe noch: Wenn Grünflächen nicht gemulcht, sondern Böschungen und Co. abgemäht und abgerecht würden, würden die Standorte magerer und wertvoller. Das mache Arbeit und sei teurer, ökologisch betrachtet aber ein Gewinn.