Krankenhäuser in der Region So kommt die Krankenhausreform in Esslingen und Umgebung an

Eine Herzoperation im Klinikum Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Gemischte Gefühle: Einigen Krankenhauschefs schwant nichts Gutes, wenn sie an die bevorstehende Krankenhausreform denken. Andere wiederum jubilieren. Das sind ihre Beweggründe.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Die Verantwortlichen der Kliniken in der Region blicken mit gemischten Gefühlen auf die bevorstehende Krankenhausreform. Das derzeitige System gilt als ineffizient und unterfinanziert.

 

Die Notwendigkeit einer Reform wird von den Krankenhauschefs in der Region nicht bezweifelt. Die Kosten in den Kliniken seien enorm gestiegen, nicht zuletzt durch die Inflation. Gleichzeitig befänden sich die Einnahmen noch nicht auf dem Stand von vor Corona, sagt Jörg Sagasser, der Geschäftsführer der Medius-Kliniken im Landkreis Esslingen: „Drei Jahre Coronapandemie stellten eine riesige Herausforderung für uns dar. Auch wenn wir jetzt in eine Routine kommen, brauchen wir Zeit zum Durchatmen.“ Die Reform komme zur Unzeit, sagt Sebastian Krupp, sein Geschäftsführer-Kollege aus demselben Haus.

Tatsächlich steht vielen Kliniken das Wasser bis zum Hals. Matthias Ziegler, der Geschäftsführer vom Klinikum Esslingen, drückt es so aus: „Kurzfristig hilft die Reform nicht. Uns brennt der Kittel!“ Die Lage ist also ernst, aber ob die Krankenhausreform den Zustand verbessert? Ziegler macht sich zumindest keine Sorgen, „wenngleich in der Ausgestaltung noch ein paar Fragen offen sind“. Er sei optimistisch. „Wenn die vorgestellten Pläne der Regierung so in etwa umgesetzt werden, werden alle Beteiligten das als eine Verbesserung erleben.“ Mark Dominik Alscher, der Medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, gibt sich gleichfalls „verhalten optimistisch“, befürchtet jedoch einen „Kahlschlag in der Fläche“, weil größere Häuser wie etwa Universitätskliniken von der Reform profitierten, kleinere aber verschwinden könnten.

Das sind die Ziele der Krankenhausreform

Was aber genau will diese Reform? Zunächst geht es um Veränderungen der Fallpauschale, die es seit 2003 gibt. Davor wurden Krankenhaustage abgerechnet, was dazu führte, dass Patienten möglichst lange die Betten in den Krankenhäusern belegten, weil dies Geld in die Kassen spülte. Mit der Fallpauschale wurde der Krankheitsfall honoriert, was zwar zu kürzeren Liegezeiten führte, aber gleichzeitig jene belohnte, die viele Behandlungen abrechneten. Eine Behandlung wie etwa eine natürliche Geburt, die länger dauert und überwacht werden muss, aber in dieser Wartezeit keine abrechenbare Leistung einbringt, wurde damit zumindest aus wirtschaftlicher Sicht fragwürdig. Deshalb soll nun die sogenannte Vorhaltepauschale kommen. Das Vorhalten von Leistungen, also die Bereitschaft zur Behandlung soll besser vergütet werden, sodass ein längerer Aufenthalt in der Klinik ohne Eingriff nicht zu einem geschäftlichen Risiko werden muss. Die Fallpauschale – also die Vergütung für eine bestimmte Leistung – bleibt, aber ihr kommt künftig weniger Bedeutung zu.

Das ist aber nur ein Teil der geplanten Krankenhausreform. Neu ist die Einteilung in sogenannte Level. Demzufolge soll es künftig drei Level der Versorgung geben: Level I steht für die Basisversorgung, Level II für die Schwerpunktversorgung sowie Level III für die Maximalversorgung in hoch spezialisierten Häusern wie Universitätskliniken. Ein Krankenhaus auf Level I darf nur noch eine begrenzte Zahl von Leistungen anbieten, etwa die Aufnahme von Menschen, die nach einer Schwerpunktbehandlung auf Level II überwacht und gepflegt werden müssen. Dem Papier aus dem Gesundheitsministerium zufolge reicht es auf diesem Level in bestimmten Fällen aus, dass qualifiziertes Pflegepersonal die Arbeit übernimmt – ein Arzt muss nicht notgedrungen anwesend sein.

Das ist die Kritik an der Krankenhausreform

Hier setzt die Kritik ein. Um auf Level II zu kommen, müssen bestimmte Leistungen angeboten werden. Einmal angenommen, eine Klinik ist hoch spezialisiert bei der Behandlung einer bestimmten Krankheit, bietet aber eine andere Leistung nicht an, die in das Level II gehört, wird sie abgestuft. Hochwertige Leistungen, die sie bis dato gut meisterte, die aber oberhalb des neuen Levels liegen, dürften nicht mehr erbracht werden. Krankenhäuser wie die Medius-Kliniken oder das Robert-Bosch-Krankenhaus könnte dieses Schicksal ereilen, wenn sie auf das Level I rutschen, obwohl sie sich in einigen Leistungsbereichen, etwa der Kardiologie, sehr gut aufgestellt sehen und dort auch wirtschaftlich arbeiten.

In der Konsequenz könnte das bedeuten, dass langfristig weniger Kliniken komplexe Behandlungen anbieten können. Das wiederum könnte zu längeren Transportwegen für die Patienten führen. Alscher vom Robert-Bosch-Krankenhaus fordert daher die Entkopplung von Leistungsgruppen und Leveleinstufungen. Will sagen, dass beispielsweise ein Krankenhaus der Basisversorgung auch Leistungen anbieten dürfte, die den Regierungsplänen zufolge nur Krankenhäusern der Schwerpunktversorgung zugeschrieben werden.

Weniger Sorgen hat das Klinikum Esslingen. Es sieht sich bestens aufgestellt, „um auch bei einer Neueinteilung die höchste Versorgungsstufe, Level III, zu erfüllen“, so der Aufsichtsratsvorsitzende und Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD).

Es war im Dezember vergangenen Jahres, als Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Reform in groben Zügen vorstellte. „Das hatte bereits Wirkungen“, sagt Alscher. Seiner Meinung nach hätte man vor der Veröffentlichung mit den Ländern und Kliniken darüber reden müssen. So aber würden Investitionsentscheidungen beeinflusst. Zudem wird seiner Auffassung nach die Personalrekrutierung schwieriger, weil Mitarbeiter bereits jetzt mit Blick auf die Reform erste Entscheidungen treffen und überlegen, wo sie ihre Zukunft sehen. Krupp von den Medius-Kliniken fasst zusammen: „Der Elefant steht im Raum. Jetzt gilt es, das Beste draus zu machen.“

Die Krankenhausreform

Medizin vor Ökonomie
 „Die Behandlung von Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern soll künftig mehr nach medizinischen und weniger nach ökonomischen Kriterien erfolgen.“ So heißt es in der Empfehlung einer 17-köpfigen „Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung“. Vor allem geht es darum, die Bereitschaft für eine Leistung zu honorieren und nicht nur die Leistung selbst. Damit sollen Behandlungen, die zwar Einnahmen bringen, aber nicht unbedingt nötig sind, verhindert werden.

Derzeitige Probleme
 Viele Kliniken sind finanziell unterfinanziert. Die Inflation verschlimmert diesen Zustand.

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