Krankenhäuser in Schieflage Rosskur für Klinikverbund Südwest

Die Krankenhäuser in den Kreisen Böblingen und Calw arbeiten zum Teil ineffizient und kommen jetzt auf den Prüfstand. Foto: Eibner/Drofitsch

Ein Defizit von 50 Millionen Euro, ineffiziente Strukturen und steigende Kosten: Dem Klinikverbund Südwest stehen harten Einschnitte bevor.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Die Krankenhäuser in den Kreisen Böblingen und Calw gelten spätestens seit der Coronapandemie als Therapiefall. Nun hat sich die wirtschaftliche Lage noch einmal dramatisch verschlechtert. Die beiden Landkreise als Träger und der Klinikverbund Südwest informierten am Freitag über harte Einschnitte, die dem Patienten Klinikverbund bevorstehen.

 

Wirtschaftliche Not Nicht nur die grundsätzlichen Strukturen will der Verbund angehen, parallel gilt es, das horrende Betriebskostendefizit abzubauen. Als Geschäftsführer des Klinikverbunds ist Alexander Schmidtke an diesem Samstag genau 150 Tage im Amt. „Ich wollte bewusst keine 100-Tage-Interviews geben, um mir einen genauen Überblick verschaffen zu können“, sagte der 57-Jährige. „Im vergangenen Jahr ist das Betriebskostendefizit von 32 auf rund 50 Millionen Euro angewachsen“, so seine schmerzhafte Diagnose. Er geht davon aus, dass der Verbund auch in diesem Jahr ein ähnlich hohes Minus anhäufen wird: „Wir müssen Sofortmaßnahmen ergreifen und den Negativtrend umkehren.“

Ein Symptom, viele Ursachen Mehrere Faktoren hätten zu dem Millionenverlust geführt, sagte der Klinikchef. Allen voran die durch Corona deutlich eingebrochenen Patientenzahlen in den Krankenhäusern. Diese sackten von 2019 bis 2021 im Kreis Böblingen um 9,9 Prozent ab, im Kreis Calw sogar um 14 Prozent. Hinzu kommen deutlich gestiegene Kosten für Energie und Personal. Ein Problem seien beispielsweise die stark gestiegenen Kosten für Leasingkräfte – externes Personal von Zeitarbeitsfirmen, das 2022 allein mit 17 Millionen Euro zu Buche schlug. Außerdem hätte eine Analyse ergeben, dass Prozesse ineffizient geregelt seien. „Manch einer wünscht sich, dass mal der Sand aus dem Getriebe kommt“, sagte Schmidtke. Mittelfristig könne das zur Entlastung der Mitarbeiter führen, allerdings schloss er Personalabbau keineswegs aus. Von Einsparungen betroffen sein wird auch die Klinikinfrastruktur. Schmidtke: „Verwaltung, Technik, Bau, Service, Logistik, Einkauf – das kommt alles auf den Prüfstand.“

Schwarze Null Die wirtschaftlich desolate Lage will Schmidtke bis zum Ende des Jahrzehnts sukzessive heilen, bis 2030 eine schwarze Null unter der Bilanz stehen soll. Wie soll das gelingen? „Nicht mit der Rasenmähermethode“, sagte der Klinikchef. „Wir wollen eine Balance schaffen zwischen einer optimalen medizinischen Versorgung und wirtschaftlicher Stabilität.“ Dabei habe der Klinikverbund mit seinen sechs Häusern sehr gute Möglichkeiten, Effizienzen und Synergien zu heben. „Wir haben einen sicheren Fahrplan, wie wir über die kommenden sieben Jahre kommen“, sagte er. Das allerdings werde eher ein Marathonlauf als ein Sprint. Mit externen Beratern der Firma Sana hat er ein Einsparpotenzial von 60 Millionen Euro identifiziert. Davon sollen 13 Millionen durch den Abbau von Doppelvorhaltungen geschafft werden, der größte Batzen in Höhe von knapp 50 Millionen allerdings durch „eigene Maßnahmen“: Personalabbau, Umstrukturierungen und effizientere Prozesse. Bis zur Genesung soll das Defizit Jahr für Jahr um zehn Millionen Euro abgetragen werden.

Krankenhausreform Geht es nach SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, lässt sich die Krankenhausversorgung der Zukunft in einer Pyramide abbilden: Ganz oben an der Spitze stehen Superkliniken, unten an der Basis kleine Häuser, die keinen 24-Stunden-Betrieb mehr anbieten. Der Klinikverbund Südwest betreibt sechs Häuser, nach Eröffnung des Flugfeldklinikums und Schließung von Böblingen und Sindelfingen sollen es fünf sein. Doch was ist mit den kleineren Häusern?

Standorte auf dem Prüfstand Um die Ausstattung des Krankenhauses Leonberg wird schon seit zehn Jahren heftig gerungen. Momentan ist es mit einem erfolgreichen Bauch- und Darmzentrum, einer stark frequentierten Unfallchirurgie und einer Gynäkologie mit Hebammen-Kreißsaal gut aufgestellt. Die Geburtshilfe ist auch in Herrenberg das Aushängeschild. Das Krankenhaus Nagold, in das zuletzt stark investiert wurde, deckt mit der Klinik in Calw die Versorgung im nordöstlichen Schwarzwald ab.

Kritik an Reform Zwar befürworten viele kommunale Träger die Reform im Grundsatz. Doch dem parteilosen Böblinger Landrat Roland Bernhard geht sie teilweise zu weit. Der Gesundheitsminister setzt voll auf große Häuser im Stile der Unikliniken. Mittlere und kleinere Kliniken, so schlagen Experten Alarm, wären damit in ihrer Existenz gefährdet, weil ihnen die Operationen fehlen würden. Bernhard, der auch Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbunds ist, hat zweimal an den Minister geschrieben – bisher ohne Antwort.

Expertise von außen Für die Umsetzung der Reform hat sich der Klinikverbund Expertise von außen geholt. Das Hamburger Beratungsunternehmen Lohfert & Lohfert ist spezialisiert auf das Thema Medizin und Ökonomie und hat namhafte Kunden: Der Krankenhaus-Plan von Nordrhein-Westfalen stammt aus seiner Feder. Vorstandschef Jens Peukert, von Haus aus promovierter Arzt, berät den Klinikverbund bei der Erarbeitung eines neuen Medizinkonzepts. Seine Erkenntnis, dass es in den Häusern Doppelstrukturen gibt, ist aber nicht neu.

Vollständige Fusion Schon bis zum Ende dieses Jahres soll die derzeitige Holding-Struktur mit den beiden Tochtergesellschaften in Böblingen und Calw zu einer GmbH verschmolzen werden, kündigten Schmidtke und Bernhard an. Die bisherige komplizierte Struktur mit drei Aufsichtsratsgremien habe den Verbund gebremst. „Wir wollen die nunmehr 16-jährige Verlobungszeit endlich in den Stand der Ehe bringen“, sagte Roland Bernhard. Offen sei unter anderem noch, wie das wirtschaftliche Ergebnis zwischen den beiden Landkreisen aufgeteilt werde.

Der Klinikverbund Südwest

Verbund
Der Klinikverbund Südwest wurde 2006 von den Landkreisen Böblingen und Calw sowie der Stadt Sindelfingen gegründet, um die Kliniken in Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg, Leonberg, Nagold und Calw zusammenzuführen. 2014 stieg die Stadt Sindelfingen als Gesellschafter aus.

Zahlen
Die Kliniken verfügen über rund 2000 Betten und versorgen ein Einzugsgebiet von 550 000 Menschen. 5000 Angestellte betreuen pro Jahr knapp 80 000 Patienten stationär und 300 000 ambulant.

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