Noch vor Weihnachten schlägt beim Klinikverbund Südwest die Stunde der Wahrheit. Bis dahin soll das neue Medizinkonzept unter Dach und Fach sein. Was das praktisch bedeutet, wird seit Monaten heftig diskutiert. In kurzen Worten ausgedrückt: Die wesentlichen medizinischen Abteilungen werden in rund fünf Jahren im künftigen Flugfeldklinikum bei Böblingen sein. In Herrenberg wird es kein richtiges Krankenhaus mehr geben, das Klinikum in Leonberg verliert die Gynäkologie.
Helmut Noë glaubt nicht, dass die Beschlüsse des Kreistages in Böblingen viel anders aussehen werden. Der Chef der CDU-Kreistagsfraktion beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Krankenhausproblematik. Solch eine dramatische Finanzsituation, so berichtete er jetzt seinen Parteifreunden bei der Hauptversammlung der CDU Leonberg, habe es in der Form noch nicht gegeben.
Die Krankenhäuser in Böblingen und Sindelfingen machen demnach ein Jahresminus von 30 Millionen Euro, Leonberg und Herrenberg jeweils zehn Millionen Euro. Hinzu käme ein 20 Millionen-Defizit der beiden Häuser in Calw und Nagold. Im gesamten Klinikverbund klafft also ein Finanzloch von 70 Millionen Euro. „Wenn wir nicht eingreifen, gibt es entweder eine Insolvenz oder eine Privatisierung“, prophezeite Noë. „Das will niemand. Deshalb müssen wir Doppelvorhaltungen abschaffen.“
Damit meint der erfahrene Kommunalpolitiker zum Beispiel eine Geburtenstation an jedem der Krankenhäuser im Verbund. Die soll es nach den Vorstellungen des vom Klinikverbund beauftragten Gutachterunternehmens Lohfert & Lohfert nur noch in Böblingen und in Nagold geben. Eine Absicht, die auf heftigen Widerstand stößt, weil viele Mediziner die Sorge haben, dass die hebammengeführten Kreißsäle, die in Herrenberg und Leonberg erfolgreich laufen, im Massenbetrieb einer Großklinik deutlich an Qualität verlieren. Kritiker befürchten zudem, dass viele werdende Mütter eben nicht nach Böblingen gehen und somit für dem Klinikverbund verloren wären.
17 Millionen Euro für Leasing-Kräfte
Der Personalmangel tue sein Übriges, sagte Noë: „Im vergangenen Jahr wurden sage und schreibe 17 Millionen Euro für Leasing-Kräfte ausgegeben.“ Der Bund, der den laufenden Betrieb der Krankenhäuser in Deutschland finanziert, komme nicht für gesteigerte Löhne auf. „Inflation ist für den Bund ein Fremdwort, für die Krankenkassen sowieso“, stichelte der CDU-Politiker. „Die Kliniken warten oft mehr als ein Jahr auf die ihnen zustehenden Zahlungen. Da wird um jeden Euro gestritten.“
Letztlich sind die Strukturen im Klinikverbund nicht die allereinfachsten, da er sich über zwei Landkreise erstreckt. Daher gibt es auch zwei Kreisklinik-Gesellschaften mit zwei Aufsichtsräten. Diese sollen jetzt aber zusammengelegt werden, was in der Praxis deutlich schwieriger ist, als es klingt. Zumal die Verantwortlichen im Kreis Calw ihre eigenen Vorstellungen haben.
Dass es am Ende in Leonberg tatsächlich keine Geburtshilfe geben wird, ist für Helmut Noë noch keine ausgemachte Sache: „Die Verlegung ist für 2028 geplant. Aber in fünf Jahren kann noch sehr viel passieren.“