Ihre Tochter war 14, als Veronika Schmid (Name von der Redaktion geändert) merkte, dass etwas nicht stimmte. Das Essverhalten der Teenagerin änderte sich, sie zog sich zurück, trieb auf einmal sehr viel Sport und verlor rapide an Gewicht. Es war der Anfang einer langwierigen Essstörung, wie die Mutter heute weiß – und einer Leidensgeschichte für die ganze Familie. Zeitweise fühlte sie sich völlig überfordert, fand schließlich aber Unterstützung im Diakonischen Beratungszentrum Esslingen.
Dort kennt man die Sorgen der Angehörigen von Menschen mit Essstörungen. Seit mehr als 20 Jahren gibt es hier eine Anlaufstelle für Essstörungen, zunächst nur als Projekt, inzwischen als fester Bestandteil des Beratungsangebots. Seit den Anfängen im Jahr 2001 sei die Zahl der Beratungen stetig gestiegen, berichtet Micaela Neumann, Beraterin in der Anlaufstelle – vor allem in den vergangenen Jahren habe man einen deutlichen Anstieg verzeichnet.
Und das nicht nur im Kreis Esslingen: Generell steige die Zahl der Menschen mit Essstörungen, inzwischen sei sie erschreckend hoch. Umso wichtiger sei es, für diese Krankheit zu sensibilisieren. Denn je früher eine Essstörung behandelt werde, desto geringer sei das Risiko, dass sie chronisch werde, sagt Neumann.
Auswirkungen von Corona machen sich bemerkbar
Zwar ging die Zahl der Beratungen in der Anlaufstelle des Diakonischen Beratungszentrums in den Coronajahren leicht zurück, umso mehr machen sich die Auswirkungen der Pandemie laut Neumann aber inzwischen bemerkbar. Wohl auch, weil oft jüngere Menschen von Essstörungen betroffen sind. Im vergangenen Jahr war fast die Hälfte der Betroffenen in der Anlaufstelle jünger als 18 Jahre und nur sieben Prozent älter als 33. „Ich höre oft von den Jugendlichen, dass sie sich in der Coronazeit sehr verloren gefühlt haben“, erzählt die Beraterin. Vor allem die Lockdowns spielten vielfach eine große Rolle bei der Krankheitshistorie.
Das kann Veronika Schmid bestätigen. „Corona war ein Katalysator, das hat die Sache beschleunigt“, sagt sie. Denn ihre Tochter sei in einem Alter gewesen, in dem sie sich eigentlich abgrenzen wollte von der Familie – stattdessen habe sie 24 Stunden am Tag mit ihr daheim sein müssen.
Zudem habe die Teenagerin in der Coronazeit verstärkt Soziale Medien genutzt, und sie selbst habe unterschätzt, welchen Einfluss diese auf die Krankheitsentwicklung haben könnten. Nach außen ständig tolle Fotos und Erlebnisse präsentieren zu müssen und auf den verschiedenen Plattformen dauernd perfekte Körper und perfekte Leben zu sehen, könne viel Druck verursachen, sagt auch Beraterin Neumann. Und nicht nur für die Betroffenen selbst sei die Erkrankung schwierig, sondern auch für ihre Angehörigen. Das weiß Veronika Schmid nur zu gut. Sie habe sehr lange gebraucht, um eine Therapeutin für ihre Tochter zu finden – und dann gemerkt, dass sie selbst auch Unterstützung brauchte. „Die größte Herausforderung für mich war es, meine Rolle zu finden“, sagt sie. Und das nicht nur bei der Begleitung ihrer Tochter, sondern auch im Hinblick auf die Frage, wie sie mit ihrem Verhalten zu der Erkrankung beigetragen haben könnte und wie sie die Bedürfnisse ihrer kranken Tochter und ihres gesunden Sohnes in Einklang bringen könnte. „Da waren auch ganz viel Wut und Schuldgefühle“, sagt Schmid.
Im Diakonischen Beratungszentrum weiß man um diese Probleme. Deshalb gibt es hier nicht nur Unterstützung für Menschen mit Essstörungen, sondern auch für Angehörige – etwa eine Gruppe für betroffene Eltern. „Die Anlaufstelle war für mich der Retter in der Not“, sagt Veronika Schmid. Denn hier sei ihr schnell und unbürokratisch geholfen worden. „Man braucht als Elternteil auch jemanden, der weiß, wovon man spricht.“ Erst im Austausch mit anderen Eltern in der Gruppe habe sie gemerkt, was die Erkrankung ihrer Tochter mit ihr selbst und mit ihrer Familie gemacht habe – ein schwieriger und schmerzhafter Prozess.
Essstörungen als psychosomatische Reaktion
Oft gibt es verschiedene Ursachen, die zu einer solchen Erkrankung führen: „Essstörungen sind oft multifaktoriell“, sagt Neumann. Im Diakonischen Beratungszentrum versteht man Essstörungen als psychosomatische Reaktion auf schwierige Lebensereignisse. Essstörungen könnten demnach als Selbstheilungsversuch gedeutet werden, um mit Anforderungen, Problemen und Belastungen umzugehen. Essen und Hunger könnten zum Lebenssinn und Lebensinhalt werden, das „Modellieren“ des Körpers Sicherheit und Halt versprechen.
Auch bei ihrer Tochter hätten sicher mehrere Faktoren dazu geführt, dass sie erst eine Magersucht und später eine Bulimie entwickelte, glaubt Veronika Schmid – unter anderem wohl ihre frühe Trennung vom Vater, damit verbunden die frühe Erfahrung der Tochter, dass ihre Bedürfnisse nicht gesehen werden, sowie ihr Hang zum Perfektionismus. Inzwischen ist ihre Tochter volljährig, aber ob sie in puncto Essstörung über den Berg ist, kann Veronica Schmid nicht wirklich einschätzen.
„Essstörungen sind sehr langwierige Erkrankungen“, gibt Micaela Neumann zu bedenken. Auch wenn man meine, sie sei überstanden, könne eine solche Störung in Krisensituationen wieder auftauchen.
Hilfe für Betroffene
Essstörungen
Laut dem Bundesfachverband Essstörungen gehören Essstörungen zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen in der westlichen Gesellschaft. Seelisch bedingte Essstörungen seien mehr als ein Schlankheitstick oder Folge einer Diät. Die Ursachen seien vielfältig und vielschichtig. Die Hauptformen der Essstörungen sind Magersucht (Anorexie), Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und Esssucht (Binge Eating).
Symptome
Bei der Anlaufstelle Essstörungen des Diakonischen Beratungszentrums Esslingen können sich Betroffene und Angehörige beraten lassen. Typische Symptome sind, wenn die Gedanken der Betroffenen sehr viel um Essen und Nicht-Essen kreisen, wenn sie weder Hunger noch Sättigungsgefühl spüren, wenn Gewicht und Figur zum Mittelpunkt des Lebens werden, wenn sie ständig Angst haben, zuzunehmen oder wenn die Tagesstimmung vom Gewicht abhängt. Neben persönlicher Beratung und Gruppenangeboten gibt es auch eine wöchentliche telefonische Beratung. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite des Kreisdiakonieverbands unter www.kdv-es.de.