Diabetiker, die um ihre Insulin-Versorgung fürchten, Eltern kranker Kinder, die vergeblich nach Antibiotika-Säften oder Asthma-Sprays fragen, Krebs- oder Blutdruckmittel, die nur auf dem Rezept existieren: Zurzeit brauchen Apotheker eine hohe Leidensfähigkeit und viel Improvisationstalent. „Das ist für uns Tagesgeschäft“, schildert Philipp Wälde, Inhaber der Bless-You-Apotheken und Vorstandsmitglied in der Landesapothekerkammer, die Lage, die sich seiner Meinung nach nicht bessern wird. „Die Politik interessiert das alles nicht“, ärgert sich der erfahrene Apotheker, „die interessiert sich nur für den niedrigsten Preis.“
Apotheker beschreiben den Medikamentenmangel als „katastrophal“
Tatsächlich fehlen 500 Medikamente, was die Apotheker jeden Tag vor neue Herausforderungen stellt. „Es ist eine reine Katastrophe“, sagt die Apothekerin der Hirsch-Apotheke in Faurndau. Es fehlten Antibiotika und Paracetamol-Fiebersäfte für Kinder genauso wie Insulin oder Krebsmedikamente, oft habe man nur eine kleine Menge davon vorrätig. „Das beschäftigt einen bis zum Umfallen.“ Apotheker versuchten, Alternativen zu finden, telefonieren mit Ärzten, um Medikamente mit anderen Wirkstoffen und Rezepturen zu organisieren.
Ähnliche Erfahrungen macht Bärbel Wahl von der Kreuzapotheke in Göppingen. „Der Medikamentenmangel ist eine Katastrophe“, sagt auch sie. Im Moment fehlten vor allem Antibiotika-Säfte für Kinder. „Wir bemühen uns dann um Alternativmedikamente.“ Ins selbe Horn stößt Stephanie Funk, Inhaberin der Göppinger Schiller-Apotheke. „Nachahmerprodukte sind auch nicht lieferbar.“ Man dürfe zwar zu anderen Herstellern wechseln, oft gebe es aber überhaupt keine Alternative. „Selbst herstellen können wir es nicht, weil wir auch keine Tabletten haben.“ Außerdem verändere sich dadurch der Geschmack, was bei Arzneien für Kinder schwierig sei. „Der Zeitaufwand, um für Kunden Medikamente zu finden, ist enorm.“ Das bestätigt Felicitas Gropper, Inhaberin der Schloss-Apotheke Donzdorf. Antibiotika für Kinder und Erwachsene seien Mangelware und schwer zu bekommen. „Wir telefonieren täglich mit Ärzten, um nach neuen Rezepten zu fragen oder mitzuteilen, was nicht mehr vorrätig ist.“ Auch Breitband-Antibiotika, Magenschutzmittel, Insulin und Blutdruckmittel würden knapp. „Das ist wirklich peinlich und für die Apotheken sehr anstrengend, weil wir jeden Tag improvisieren müssen.“
Nicht anders ist es bei Galyna Haar, Inhaberin der Wölkapotheke und der Apotheke im Nel Mezzo in Geislingen. Man habe zwar im Moment keinen Mangel, weil man schon frühzeitig mehr bestellt habe und durch die Partnerapotheke im Nel Mezzo über ein größeres Warenkontingent verfüge. Doch die Probleme, etwa mit dem Mangel an Penicillin, kennt sie gut. Da telefoniere man oft Stunden, um in Absprache mit den Ärzten Alternativ-Produkte zu finden. „Viele Ärzte schreiben Rezepte und wissen gar nicht, was vorrätig ist.“
Auch die Alb-Fils-Kliniken sind vom Medikamentenmangel betroffen, bestätigt Chefapotheker Andreas B. Werner. „Engpässe von Medikamenten gibt es laufend und immer häufiger.“ Meist könne durch das Team der Arzneimittellogistik eine Alternative von anderen Herstellern oder Präparate mit ähnlichen Wirkstoffen beschafft werden. In der Vergangenheit seien zum Beispiel das Medikament Tamoxifen, das bei Brustkrebs angewandt werde, und Röntgenkontrastmittel nicht lieferbar gewesen.
Eine weitsichtige Bevorratung hilft Engpässe zu umgehen
„Durch Therapieumstellungen beziehungsweise zeitintensive Nachfragen zur Lieferfähigkeit der Produkte konnten diese Lieferengpässe gestemmt werden“, erinnert sich Werner. „Derzeit sind flüssige Antibiotika-Präparate und auch einige Antibiotika-Tabletten nicht lieferbar.“ In den meisten Fällen könne man solche Engpässe mit guter Bevorratung oder durch Nutzung aller Lieferanten oder Arzneimittelimporte weitestgehend ausgleichen, sagt der Chefapotheker. Schmerz- und Antibiotika-Säfte für Kinder würden durch ein eigens dafür zuständiges Team nach festgelegten Rezepturen aus Rohstoffen oder entsprechenden Tabletten regelmäßig und sorgfältig produziert, erklärt Andreas B. Werner.
Engpässe verursachen Kosten in Millionenhöhe
Zeitaufwand
Das Management von Lieferengpässen ist für Apotheken mit einem hochen zeitlichen Aufwand verbunden. Nach Berechnungen der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände sind mindestens sechs Stunden pro Woche in einer Apotheke nötig.
Kosten
Der Gesamtstundenaufwand pro Jahr in allen 18 000 Apotheken in Deutschland beträgt 5,62 Millionen Stunden. Bei Arbeitgebervollkosten für pharmazeutisches Personal von 75,91 Euro pro Stunde ergeben sich daraus Kosten von 425 Millionen Euro.
Zuschlag
Bei etwa 20 Millionen Fällen pro Jahr, bei denen Apotheken eine sogenannte Nichtverfügbarkeit dokumentieren müssen, ergibt sich ein Zuschlag von21 Euro. Diese zusätzliche Gebühr fordern die Apothekerverbände für jeden Austausch.