Kretschmann im Stall Versorgung mit Erdbeeren in Gefahr

Winfried Kretschmann und Biobauer Reinhard Grieshaber im Kuhstall bei Ditzingen Foto: dpa/Christoph Schmidt

Bauern klagen dem Ministerpräsidenten ihr Leid. Ein Problem: die Erntekosten übersteigen manchmal den Preis, den der Handel bezahlt.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Die Rindviecher im Bioland-Stall von Familie Grieshaber bei Ditzingen staunen nicht schlecht ob des Menschenauflaufes der ihnen beim winterlichen Sonnenbad zuschaut. Aber so ist das halt, wenn ein leibhaftiger Ministerpräsident zu Besuch ist. Da ist ein ganzer Tross von Fotografen und Presseleuten mit dabei, und jede Menge Bauern, die dem Besuch erzählen wollen, wo der Schuh drückt.

 

Ernte kostet mehr als der Handel zahlt

Dieter Mainberger ist einer von ihnen. Es war noch dunkel, als der Obstbauer seinen Hof am Bodensee verlassen hat. Wenn man die Chance habe, dem ersten Mann im Land direkt von seinen Sorgen zu erzählen, dann solle man die auch nutzen, sagt Mainberger. Und Sorgen hat er genug. Im vergangenen Jahr, da sind viele Saftäpfel auf den Bäumen geblieben. Wenn man zehn Euro für 100 Kilo bekomme, aber allein die Ernte dieser Menge 15 Euro koste, dann lohne es halt nicht, sagt er vor dem Eintreffen von Winfried Kretschmann. Und dass es mit den deutschen Erdbeeren in den Läden wohl bald ein Ende haben könnte. Es rechne sich nicht mehr.

Bevor Dieter Mainberger dies zum Besten geben darf, bekommt Winfried Kretschmann schon eine ganze Menge mehr zu hören. Da geht es um neue Regeln zum Ausweisen von mehr Weidefläche, was vor den dicht besiedelten Toren Stuttgarts ein nicht unmaßgebliches Problem darstellt. Es geht um zunehmende Schwierigkeiten, Fotovoltaikanlagen auf die Stalldächer zu montieren, weil die Stromkonzerne gerne größere Anlagen hätten – auf Grund und Boden, der auch als Weidefläche herhalten könnte. Es geht um den Erositätsfaktor, der den Bauern letztlich die Möglichkeit nimmt dann zu pflügen, wenn es sinnvoll wäre. Und es geht um Bürokratie, immer wieder um Bürokratie.

Ohne Trillerpfeifen und Traktoren

Die Bauern sind allesamt eingeladen. Man kennt sich. Sie kommen ohne Trillerpfeifen und ohne Traktoren mit Plakaten, aber sie kommen mit einem Sack an Wünschen und Forderungen. Klar, da ist der Dieselpreis, aber da ist auch so viel mehr. Die Gesetze seien so weit weg von der guten, fachlichen Praxis, sagen sie. Der Ministerpräsident, ausgerüstet mit bauernhofbesuchstauglichem Schuhwerk, dickem Parka und schwarzen Handschuhen, nickt.

Winfried Kretschmann verweist darauf, dass das Land nur für den kleinsten Teil der Bürokratie verantwortlich sei – und dass manch ein Gesetz durchaus seine Berechtigung habe, auch wenn es den Bauern nicht gefalle. Trotzdem: er nehme das ernst, sagt der Ministerpräsident, und er werde sich für die Landwirte einsetzen. Hat sich die Fahrt für den Obstbauern vom Bodensee also gelohnt? Das zu wissen sei zu früh, sagt Dieter Mainberger. Man müsse sehen, ob die Entscheidungen in die richtige Richtung gehen. Dann sehen die Rindviecher den Menschenpulk gehen – und sonnen sich weiter.

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