Krieg in der Ukraine „Der Frieden fällt nicht vom Himmel“

Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev im Gespräch mit unserer Zeitung Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif-Hendrik Piechowski

Den Zeitpunkt für Verhandlungen sieht der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev noch nicht gekommen. Umso wichtiger sind für sein Land Waffenlieferungen aus dem Westen.

Er sei eigentlich nur auf Antrittsbesuch, sagt der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev beim Interview mit unserer Zeitung. Dabei hat er eine klare Botschaft im Gepäck: Der Krieg kann nur mit einem Sieg der Ukraine enden.

 

Herr Botschafter, wie bewerten Sie aktuell die Situation in der Ukraine?

Viele haben erwartet, wir könnten uns keine drei Tage gegen den russischen Überfall wehren. Wir machen das jetzt seit mehr als einem Jahr. Andere Länder haben begriffen, dass Kriege mit Waffen gewonnen werden. Die westlichen Waffen sind den russischen überlegen. Uns freut es sehr, dass die Panzerkoalition zustande gekommen ist. Die ersten Panzer westlicher Bauart sind schon in der Ukraine – geliefert von Polen.

Und was ist mit den zugesagten Panzern aus Deutschland?

Die deutschen Kampfpanzer erwarten wir bis Ende des Monats. Deutschland hat jetzt eine Führungsrolle in der Panzerkoalition übernommen und liefert zu den ursprünglich versprochenen 14 Panzern noch vier zusätzlich. Ich bin sicher, das wird einen Unterschied machen auf dem Schlachtfeld.

Aktuell wird ja eher der Mangel an Munition zum Problem . . .

Ganz Europa hat festgestellt, dass es auf solche Kriegshandlungen überhaupt nicht vorbereitet ist. Jetzt kommt es im Dialog der Regierungen mit der Industrie langsam zu einem strategischen Ansatz, bei dem Munition gleich für mehrere Jahre bestellt wird – für die eigenen Streitkräfte, aber auch für die Ukraine. Klar ist: Wir bräuchten auch Langstreckenmunition, mit der wir Ziele in einer Entfernung von mehr als 70 Kilometern erreichen können.

Brauchen Sie Kampfjets?

Ja. Wir brauchen Kampfjets, um die Flugabwehr zu sichern, die russischen Raketen abzufangen und die Lufthoheit zu sichern. Präsident Selenskyj, unser Verteidigungs- und unser Außenminister führen Gespräche mit verschiedenen Ländern. In konkrete Gespräche mit der Bundesregierung sind wir noch nicht gegangen. Aber die Sachen ist komplizierter als bei Kampfpanzern. Es geht nicht darum einzusteigen und abzufliegen. Das alles muss auch genau mit unserer Logistik und anderen Systemen abgestimmt werden.

Wie blicken Sie auf den Protest, der in Deutschland von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer organisiert wird?

Was mich erstaunt: Warum wenden Frau Wagenknecht und Frau Schwarzer sich an den Kanzler und nicht an den russischen Präsidenten Wladimir Putin? Wer Frieden will, muss an Putin und Russland appellieren: Stoppt diesen Krieg, stoppt Kriegsverbrechen, und zieht die Truppen zurück!

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt eine Chance für Diplomatie?

Der Frieden fällt nicht vom Himmel. Er muss erkämpft werden. Aber jeder Krieg endet auch mit Verhandlungen. Wir werden die besetzten Gebiete befreien. Und dann gibt es natürlich Verhandlungen darüber, wie Kriegsverbrecher bestraft werden können, wie Russland Reparationen für Zerstörungen und Gräueltaten zahlt und wie garantiert werden kann, dass Russland keinen Krieg mehr in der Nachbarschaft starten kann. Die Geschichte der europäischen und euroatlantischen Sicherheit wird – nachdem wir den Krieg gewonnen haben – neu geschrieben werden.

Verhandlungen kann es also aus Ihrer Sicht erst nach einer russischen Niederlage geben?

Es ist leichter, über Kriege zu sprechen, wenn sie weit entfernt sind. Wenn sie keine Familienangelegenheit sind. Was würden Sie tun, wenn jemand morgen in Ihre Wohnung eindringt, Ihre Frau vergewaltigt und Ihre Kinder entführt? Würden Sie sich darauf einlassen, dass der Einbrecher dauerhaft in der Wohnung bleiben darf? Das wären die Verhandlungen, die einige von der Ukraine fordern. Das können, das werden wir nicht tun. Russland muss seine Truppen komplett zurückziehen – und zwar überall, aus dem Donbass, aus der Krim. Die Welt darf nicht noch einmal den Fehler machen, Russland bei irgendetwas einzubeziehen.

Deutschen Ermittlern zufolge führen die Spuren für die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines in die Ukraine. Schadet Ihnen das nachhaltig?

Die Verschwörungstheorien, unsere Regierung habe damit etwas zu tun, weisen wir entschieden zurück. Ich sehe, dass die deutsche Bevölkerung sehr solidarisch mit der Ukraine ist. Immer häufiger bekomme ich zu hören: „Ihr macht einen tollen Job, ihr kämpft für unsere Werte, in unserem Namen.“ Heute macht die Ukraine allein das, wofür eigentlich die Nato gegründet worden ist: Europa vor einer sowjetischen Invasion zu schützen.

Sie sitzen hier in Frieden, und wenige Tausend Kilometer entfernt sind Ihre Verwandten, Ihre Freunde, Ihre Landsleute im Krieg. Wie ist das für Sie?

Der Krieg ist immer da. Ich habe eine App, die immer laut wird, wenn Flugalarm in Kiew ertönt. Dann schreibe ich sofort meine Eltern an. Und wenn du aufwachst und wenn du siehst, es gab noch einen Raketenangriff in Kiew, fragt man: „War es laut, war es weit entfernt?“ Deswegen gibt es auch hier keine friedliche Nacht. Das Einzige, was sich unterscheidet ist: Wenn du in Deutschland in den Himmel schaust, siehst du noch Zivilflugzeuge.

Wie sehr ist Ihre Familie betroffen?

Meine Eltern sind in Kiew, wir haben Verwandte in Dnipro. Alle in meiner Familie leben. Aber leider sind viele Freunde und viele Bekannte verwundet oder gefallen – und viele Kollegen, auch aus dem Auswärtigen Amt. In den ersten Tagen haben viele Kollegen mit Waffen Kiew verteidigt. Das ist eine Familienangelegenheit für jeden Ukrainer.

Sie waren 1990 im Rahmen eines Schüleraustausches in Deutschland. Können Sie sich noch erinnern?

Ich war in Münster, später habe ich Freunde in Berlin besucht. Roger Waters von Pink Floyd spielte 1990 auf dem Potsdamer Platz „The Wall“. Jetzt ist Waters leider in die ganz andere Richtung gegangen und unterstützt Putin. Seit der Zeit höre ich auch sehr gerne deutsche Rockmusik. Rammstein, Die Toten Hosen – jetzt ganz frisch AnnenMayKantereit, Oomph! oder die Ärzte.

Gibt es etwas, was Sie an Deutschland besonders nervt?

Es gehört in Deutschland dazu, über die Deutsche Bahn zu meckern. Da habe ich selbst sehr viele Fälle erlebt. Wir machen Witze darüber: Wieso lautet die Ansage in der Deutschen Bahn: „Wegen Arbeiten am Gleis erwarten Sie drei Stunden Verspätung.“ Aber in der Ukraine warten Sie wegen Raketenbeschuss nur drei Minuten.

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