Krieg in der Ukraine: was Augenzeugen berichten „Ich war wie in einer Schockstarre“

In dem Ort Tschuhujiw in der östlichen Ukrainetrauern Bewohner um einen getöteten Angehörigen nach einem russischen Angriff. Foto: AFP/Aris Messinis

Überall Explosionen, Verwundete, Tote. Wer kann, versucht zu fliehen, andere greifen zum Gewehr. Doch spätestens seit die Kämpfe Kiew und Tschernobyl erreicht haben, ist klar: Das ist nur der Anfang.

Kiew - Es sind zwei heftige Explosionen, die Liko Toloraia gegen 5 Uhr morgens aus dem Schlaf reißen. Die 40-Jährige lebt in der zentralukrainischen Stadt Dnipro. Wenige Minuten später ruft ihre 84-jährige Großmutter sie an, die einige Kilometer entfernt lebt. Sie habe nur fünf Worte gesagt: „Liko, der Krieg ist da.“

 

In Moskau sind die meisten Menschen noch gar nicht aufgestanden, als Wladimir Putin im russischen Fernsehen eine Ansprache hält. Er habe die Entscheidung „für eine Militäroperation“ in der Ukraine getroffen, sagt der russische Präsident. Ziel sei unter anderem „die Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ des Landes. An den Rest der Welt richtet Putin eine Drohung, die sogar den Einsatz von Atomwaffen anscheinend nicht ausschließt: Wer versuche, „in laufende Ereignisse einzugreifen“, müsse mit Konsequenzen rechnen, „wie Sie sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben“. Zuvor erinnerte Putin daran, dass Russland eine der mächtigsten Atommächte der Welt sei.

Vor Angst ohnmächtig

Was in den Minuten und Stunden danach folgt, ist ein penibel geplanter Angriff auf ein europäisches Land. Gegen 5 Uhr beginnt Russland damit, militärische Einrichtungen und Flughäfen in der Ukraine zu beschießen. Dass es so schnell geht, damit haben in der Ukraine die wenigsten gerechnet.

In Charkiw, unweit der Kontaktlinie zu den schon seit 2014 von Russland kontrollierten Gebieten im Donbass, klingelt kurz nach den ersten Angriffen auch bei Margarita Kucherenko das Telefon, wie sie per Videochat erzählt. Sie arbeitet in Charkiw als Psychologin und betreut traumatisierte Veteranen aus dem Krieg im Donbass. „Die waren in Panik“, sagt die Frau Anfang 30. „Sie fragten mich, welche Medikamente sie nehmen sollten, weil sie teilweise vor Angst schon ohnmächtig geworden waren.“ Während Kucherenko ihre eigene Angst noch zu unterdrücken versucht, regt sich bei ihren Patienten bereits Kampfgeist. „Fast alle meiner Veteranen haben sich schon freiwillig gemeldet, um zu kämpfen.“

Krieg der Informationen

Etwa eine Stunde nach den ersten Explosionen verkündet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Ansprache, Russland habe mit Raketen angegriffen. Er verhängt das Kriegsrecht für die gesamte Ukraine. Selenskyj ruft die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. „Wir sind stark. Wir sind zu allem bereit“, sagt er. „Wir werden siegen.“ Die Botschaft an seine Landsleute ist klar: „Putin hat einen Krieg mit der Ukraine, mit der ganzen demokratischen Welt begonnen. Er will meinen Staat vernichten. Er will unseren Staat vernichten – alles, was wir aufgebaut hatten, wofür wir leben.“

Seit dem frühen Morgen ist auch Roman Vydro auf den Beinen. Als die Explosionen zu hören sind, weiß er sofort, wie er helfen kann, sagt er im Videochat. Der Endzwanziger arbeitet im Tech-Bereich, er kennt sich mit Computern aus, aber auch mit der Macht von Informationen. Deshalb setzt er sich an seinen Rechner. „Wir leben schon lange in einem Informationskrieg“, sagt er. „Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Falschinformationen als solche offenzulegen.“ Also wühlt er sich, während draußen in seiner Heimatstadt Charkiw Raketeneinschläge zu hören sind, durch Hunderte Kommentare und gleicht sie mit den Angaben ab, die er verifizieren kann. Russische Truppen, die aus Richtung Odessa ins Land kommen? Zu diesem Zeitpunkt falsch. Soldaten auf den Straßen seiner Heimatstadt? Ebenfalls falsch. „Russland will Panik verbreiten, und es ist wichtig, solche Informationen richtigzustellen“, sagt Roman Vydro.

„Russland will Panik verbreiten“

Als im Internet Videos von Überwachungskameras auftauchen, die russische Panzer und schweres militärisches Gerät beim Überqueren der ukrainischen Grenze zeigen, tut die ukrainische Regierung das, worauf die Veteranen von Charkiw und viele Zivilisten im Land nur gewartet haben. Sie ruft alle einsatzfähigen Landsleute zu den Waffen. Präsident Selenskyj teilt mit, man werde Waffen an jeden verteilen, der das Land verteidigen wolle.

Schlangen vor den Geldautomaten in der Ukraine

Am Vormittag ist die Zahl der getöteten ukrainischen Soldaten laut einem Berater des Präsidenten auf 40 angewachsen. Auch von zivilen Opfern ist nun erstmals die Rede. Kurz darauf teilt das ukrainische Innenministerium mit, in mehreren Städten, darunter auch Kiew, seien militärische Kommandozentralen angegriffen worden. Über der Geheimdienstzentrale des ukrainischen Verteidigungsministeriums in Kiew steigt Rauch auf. Es ist erst der Anfang.

Es gibt Schlangen vor Geldautomaten, Apotheken und Tankstellen. Viele Menschen versuchen, vor allem die größeren Städte zu verlassen, behindert durch lange Staus. Olga Korablyova lebt in Kiew. Sie meldet sich per Messenger-Chat. „Wir sind bereit, Widerstand zu leisten“, schreibt die 33-Jährige. „Wir wissen, was jetzt zu tun ist.“ Sie höre immer wieder Explosionen in der Nähe ihrer Wohnung. Sie und ihre Freundinnen und Freunde haben sich vorbereitet. Treffpunkte seien kommuniziert, Routen geplant, die wichtigsten Sachen bereits gepackt.

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Großmütter warten auf die Evakuierung

Unterdessen erobern russische Kräfte den Militärflughafen Hostomel, nur 16 Kilometer vor Kiew. Bilder von CNN zeigen, wie Soldaten das Gelände sichern. Das ukrainische Innenministerium warnt vor Fallschirmjägern, die über Kiew abspringen und versuchen könnten, ins Regierungsviertel einzudringen. Wenig später heulen die Sirenen über Kiew. Eine Warnung vor Luftangriffen. Olga Korablyova schickt eine vorerst letzte Nachricht: „Ich gehe in meinen Keller“, schreibt sie. „Mit meinen Whiskyvorräten.“

Aus Dnipro meldet sich Maria, die ihren Nachnamen nicht veröffentlichen möchte. Die 32-jährige Lehrerin kann immer noch nicht fassen, was sich in ihrem Land abspielt. „Es gab so viele Nachrichten von Leuten aus Dnipro, Kiew, Odessa, Charkiw. Explosionen, Invasion, Krieg. Ich habe es nicht geglaubt. Aber in allen Chats ist es dasselbe.“ Draußen auf der Straße, sagt sie, sehe sie Großmütter und Mütter, die mit ihren Haustieren auf die Evakuierung warten. Da habe sie geweint.

Auch ukrainische Zivilisten ziehen in den Krieg

Andere wollen kämpfen. Artjom, 30, ist eigentlich Postbote in Odessa. Am Telefon berichtet er, er habe zwei Jahre seinen Wehrdienst geleistet. „Ich habe mich freiwillig gemeldet, in der territorialen Verteidigungstruppe meine Stadt Odessa zu beschützen.“ Als die russischen Truppen sich an der ukrainischen Grenze versammelten, habe er bereits gewusst, was passieren würde. „Ich wusste auch damals schon, dass ich mitkämpfen würde“, sagt er. Vielleicht, überlegt er, werde er jetzt Berufssoldat. „In der ukrainischen Armee wird man als Soldat gerade ausgezeichnet bezahlt“, sagt er. Morgen ziehe er in den Krieg. Jeder Schritt will nun gut überlegt sein. Auch die Flucht.

Die plant Ilya, 34, Geschäftsmann aus Dnipro, seit er die Fahrzeugkolonnen ukrainischer Soldaten sah. Sein Entschluss steht fest, als am Donnerstag 15 Kilometer von seinem Haus entfernt ein Waffenlager explodiert. Den Mitarbeitern seines Unternehmens habe er gesagt, sie sollten einen sicheren Ort für sich und die Familie einrichten. „Meine Familie ist bereit auszuwandern“, sagt Ilya am Telefon. „Wir sind bereit, weit weg von der Ukraine politisches Asyl zu beantragen.“ Morgen wollen sie entscheiden, wohin genau sie fliehen wollen. „Es fühlt sich so an wie ein schlimmer Traum, aus dem ich aufwachen möchte.“

Bewohner in Kiew sind in Schockstarre

Doch es ist kein Traum. Eine Mutter aus Odessa berichtet, dass die ersten Freiwilligen bereits in den Kampf gezogen sind. „Mein Sohn ist gegangen, um die Stadt zu verteidigen. Ich konnte ihn nicht aufhalten“, sagt sie am Telefon. Er habe nicht warten wollen. „Er ist jetzt losgegangen und ich weiß nicht, ob und wann er zurückkommen wird.“ Sie weiß nur, dass seine Aufgabe ist, nachts in der Stadt mit Gewehr zu patrouillieren. „Er hat doch eine Tochter zu Hause.“

Vladislava Naboka, eine 32 Jahre alte Vertriebsmitarbeiterin aus dem Süden von Kiew, berichtet, wie sie die vergangenen Stunden erlebt hat: „Mein Freund hat mich heute morgen gegen 6 Uhr geweckt. Er habe etwas gehört, sagte er, ungewöhnliche Geräusche. Ich war wie in einer Schockstarre. Ich hatte gehofft, dass es nicht zum Krieg kommt. Es war ein echtes Abenteuer, an Geld zu kommen, anderthalb Stunden stand ich an einem Bankautomaten an, um an 3000 Hrywnija zu kommen, etwa 100 Dollar. Ich habe große Angst. Unsere Notfallrucksäcke sind jetzt gepackt, nicht zu schwer – damit wir notfalls schnell wegkönnen. Ein Auto haben wir leider nicht und Fahrkarten für die Züge sind auch schon überall ausverkauft.“

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Und wieder der Ruf nach Waffen für die Ukraine

Anton Schewtschenko, 27, Mitarbeiter einer Entwicklungshilfeorganisation aus Kiew, schildert im Gespräch seine Gefühlslage: „Wir haben unser Apartment verlassen, denn wir fühlten uns dort nicht sicher. Wir leben in einem hohen Wohnblock mitten in der Stadt, der viel Angriffsfläche bietet. Jetzt sind wir bei der Großmutter meiner Frau untergekommen – sie wohnt in einem Haus mit Keller. Trotz all der Unsicherheit haben wir auch Hoffnung. Wir glauben mit vollster Überzeugung an unsere Armee. Wir wissen, wo der nächste Luftschutzbunker ist. Wir haben genug Essen und Trinken auf Vorrat. Vom Westen erwarten wir kein militärisches Eingreifen. Aber was jetzt kommen muss, das sind die härtesten Sanktionen, die es je gegen ein Land gegeben hat. Und wir brauchen Waffen – von allen westlichen Staaten.“

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