„Der große Plan“ mit Max Herre und Wolfgang Schorlau Dengler, Griechenland und ich

Von Thomas Morawitzky 

Wolfgang Schorlau hat in der Alten Reithalle seinen neuen Roman vorgestellt. Mit dem Popmusiker Max Herre sprach er über „Der große Plan“, den neunten Fall des Georg Dengler, erklärte die Finanzen, das dunkle Kapitel der deutsch-griechischen Geschichte.

Max Herre (links) und Wolfgang Schorlau am Donnerstag in der Alten Reithalle Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky 6 Bilder
Max Herre (links) und Wolfgang Schorlau am Donnerstag in der Alten Reithalle Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Stuttgart - „Dengler“, sagt Wolfgang Schorlau am Donnerstagabend in der Alten Reithalle, „ist ein bisschen so wie ich. Er will es genau wissen.“ Dengler, der schon in acht Romanen Schorlaus dem Schein der offiziellen Wahrheit nicht traute, investigativ hinter vermeintlich rechtsstaatliche Fassaden blickte, ist sein fiktiver Doppelgänger: während der Privatermittler in einem Boxklub im Stuttgarter Osten den Schwachpunkt seines Gegenübers sucht und findet („Er sah die Lücke zwischen den beiden Handschuhen seines Gegners. Dengler legte all seine Kraft in diesem Schlag.“) kämpft Schorlau sich durch Archive und holt aus zum Schlag gegen die öffentliche Meinung.

Dass Griechenland seinen Ruin selbst verschuldet habe – wer zweifelte zuletzt noch daran? Wolfgang Schorlau ist verblüfft: „Mit Ausnahme der taz ist es gelungen, hier eine einhellige Medienmeinung durchzusetzen“, sagt er zu Max Herre, seinem Gesprächspartner in der Reithalle. „Auch in meinem aufgeklärten Freundeskreis ist diese Meinung verbreitet.“ Eine allzu einhellige Medienmeinung scheint Wolfgang Schorlau allerdings höchst verdächtig. „Ich habe zur Zeit der Griechenlandkrise systematisch ferngesehen und Zeitung gelesen“, sagt er. Mit dem geschärften Verstand eines Autors, der sich mit kriminellen Machenschaften befasst, stellte Schorlau sich die eine, kritische Frage: wo ist all das Geld, das zur Rettung Griechenlands dienen sollte, eigentlich hingekommen? „Es war nicht herauszubekommen. Also dachte ich: das ist ein Fall, in dem Dengler vielleicht einmal ermitteln sollte.“

Max Herre schlägt vor: „Gehen wir zurück zu Dengler“

Den Erscheinungstermin seines neuen Romans jedoch musste Wolfgang Schorlau verschieben. Er, der alles genauer wissen möchte, wollte auch genaueres über Griechenland und sein Verhältnis zu Deutschland erfahren. Er reiste nach Griechenland. „Dort habe ich gemerkt, dass es eine griechische Geschichte gibt, von der ich keine Ahnung hatte“, sagt er. Es ist die Geschichte der deutschen Bestatzung Griechenlands im zweiten Weltkrieg, eine Geschichte von zerstörten Dörfern, unzähligen Morden, einer gigantischen Zwangsanleihe des Dritten Reichs bei der griechischen Zentralbank, einer bis heute nicht getilgten Schuld.

Wolfgang Schorlau geht von diesen historischen Fakten den Schritt in die nahe Gegenwart, malt ein Szenario, bei dem internationale Banken auf den Einbruch des Euro und das griechische Staatsbankrott setzen, ein Spiel, bei dem die Volkswirtschaft eines ganzen Landes zu einem Bauernopfer wird. Er spricht in der nahezu ausverkauften Reithalle über Finanzmärkte, Finanzmarktinstrumente, Derivate, fiktive Geldsummen unvorstellbarer Größe. Er hat, wie immer, sehr gründlich recherchiert, er liefert den Exkurs. Max Herre reibt sich da auch einmal das Kinn, sehr gefordert, wie jeder Zuhörer, von den abstrakten Zusammenhängen. „Gehen wir zurück zu Dengler“, sagt er dann – und Wolfgang Schorlau liest aus seinem Buch.

„Der Name Max Herre sagte mir nichts“, gibt Schorlau zu

Jener Boxkampf im Osten Stuttgarts, bei dem Dengler die Schwachstelle seines Gegners findet, bevor sehr plötzlich etwas ganz Unerwartetes geschieht, zeigt, wie gut der Autor es versteht, eine Szene aufzubauen, seine Leser zu überraschen. Und bevor er eine andere, kuriose und von ihm selbst mit einigem Einsatz ebenfalls gründlich recherchierte Szene liest, die vielleicht langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte des Kriminalromans, knieend auf einer griechischen Insel, schenkt Wolfgang Schorlau sich und Max Herre ein Glas Wein ein.

Ganz zu Beginn des Abends hat Schorlau von seiner ersten Begegnung mit Max Herre erzählt – „Der Name sagte mir nichts, muss ich zu meiner Schande gestehen.“ Nun sitzen beide nebeneinander, der Krimiautor, der Popmusiker; 22 Jahre trennen sie. Und sie lesen gemeinsam aus „Der große Plan“, Max Herre spricht die Rolle Denglers, Wolfgang Schorlau die eines griechischen Freundes, der dem Ermittler in aller Freundschaft seine Meinung über die Deutschen sagt. Wolfgang Schorlaus Sympathie für Griechenland, für die Geselligkeit der Griechen, ihre Kultur, ist unverkennbar. „Die Deutschen“, lässt er seinen Griechen sagen, „können nicht leben ohne Hierarchie.“ Und: „Die Deutschen sind sogar beim Essen einsam.“ Von den Folgen der Griechenlandkrise spricht Schorlau nun, von einem überlasteten Gesundheitssystem, einem Land, das einmal mehr „planvoll an den Rand des Hungers und darüber hinaus getrieben wurde.“ Griechenland ist für viele Deutsche dennoch selbst verantwortlich für seine Misere. Wolfgang Schorlau hat sich viel vorgenommen: „Dagegen“, sagt er, ganz zuletzt, „wollte ich anschreiben.“