Kriminalität in Baden-Württemberg LKA jagt Automaten in die Luft

In sicherem Abstand verfolgt die Polizei, welchen Schaden der Sprengstoff anrichten kann. Foto: Landeskriminalamt

Fachleute der Polizei sprengen in einem Steinbruch vier Geldautomaten. Aus den Versuchen sollen Rückschlüsse auf die Bekämpfung der Automatensprenger-Banden gezogen werden.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Mit einem gewaltigen Wumms zündet der Sprengstoff im Geldautomaten. Eine Panzerplatte fliegt mehr als 20 Meter weit. Splitter, Trümmer, Geldscheine: ein Bild der Zerstörung. Am Auslöser saßen keine Ganoven. Das Geld sammeln hinterher Fachleute des Landeskriminalamts (LKA) ein. In einem Steinbruch haben sie bei Probesprengungen gemessen, wie heftig die Zerstörung ist, die von einer Geldautomatensprengung ausgeht.

 

Die Geldautomatensprenger sind die Bankräuber unserer Tage. Die Methode hat den klassischen Überfall längst abgelöst. Bis zu 200 000 Euro stecken in einem voll befüllten Geldautomaten, sagt der stellvertretende Leiter der Kriminaltechnik am Landeskriminalamt, Stefan Knapp. Für das Experiment verwendeten die Fachleute echte Scheine, welche die Bundesdruckerei zur Verfügung stellte, die noch nicht registriert waren und damit wertlos sind. Der Nennwert waren zwei Millionen Euro, vier Automaten flogen in die Luft.

Geld im Nennwert von zwei Millionen Euro fliegt in die Luft

Wären die Scheine nicht ohnehin ohne Wert gewesen, so wären sie hinterher nutzlos geworden: Ein Aspekt der Sprengversuche war es zu belegen, wie Farbpatronen in den Geräten die Scheine einfärben können, sodass man sie als Beute erkennen kann. „Den nimmt keiner mehr an“, sagt Stefan Knapp über einen mit grüner Farbe verschmierten 100-Euro-Schein.

300 bis 500 Gramm Sprengstoff, einen „Blitzknallsatz wie in der Pyrotechnik“, verwenden die Tatpersonen. 30 Gramm dieses Stoffes sind in Böllern aus Osteuropa verbaut, die hierzulande verboten sind. Versuche jemand, die benötigten Stoffe in Deutschland zu bestellen, erfolge eine Meldung an die Polizei, erläutert Stefan Knapp.

Die Sprengung erfolgte nicht nur zu Forschungszwecken für das Landeskriminalamt, auch in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Bamberg, die dieser Tage Anklage in einem großen Verfahren erheben wird: Zwölf Tatverdächtige sollen dort vor Gericht kommen, teilt die Behörde mit. Ihnen werden 27 Taten zur Last gelegt in der Anklage. Es seien dieser Gruppe rund 100 Taten zuzuordnen. Jedoch habe man sich in der Anklage auf die 27 Sprengungen konzentriert, bei denen die Beweislage eindeutig sei, sagt eine Vertreterin der Anklagebehörde. Die Banden, die hinter den Sprengungen steckten, kämen aus den Niederlanden. Es handele sich um organisierte Kriminalität. Sie würden sich in Deutschland, auch in Österreich und der Schweiz betätigen, weil die niederländischen Banken reagiert hätten: Zum einen werde dort insgesamt mit weniger Bargeld bezahlt, zum anderen hätten die Geldinstitute ihre Geräte besser abgesichert und deren Zahl stark reduziert.

Gefahr für Umstehende: Metallteile werden weit geschleudert

Im Zuge ihres Ermittlungsverfahrens wollte die Staatsanwaltschaft Bamberg eruieren, ob auch der Anfangsverdacht eines versuchten Tötungsdelikts im Raum stehe. „Die Automaten sind ja auch mal in Wohnhäusern oder neben Geschäften, oder es kann jemand zufällig vorbeigehen“, sagt dazu der LKA-Präsident Andreas Stenger. Gefährlich sei es, wenn die Panzerplatte vom Automaten fliege und Splitter mit 1000 Metern pro Sekunde verteilt würden. Die Anklage in Bamberg werde den Vorwurf dennoch außen vor lassen. „Wir klagen das an, wo wir eine Chance der Verurteilung sehen“, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Von den 27 in Bamberg zur Anklage kommenden Taten haben sich 17 in Baden-Württemberg ereignet, in den Jahren 2020 und 2021. Das Land steuert auf einen neuen Höchststand der Fälle zu: 2020 waren es 41 Fälle, 2021 zählte man 24. Im Jahr 2022 kamen 34 Sprengungen hinzu, in diesem Jahr waren es Stand 20. November bereits 39.

Die früher verwendete Methode, Gas in den Automaten zu leiten und es zu zünden, komme nur noch selten vor. Die Banken hätten darauf mit Sicherheitsvorkehrungen reagiert, auch sei diese Methode für die Tatpersonen schwieriger. Nun hofft das Präventionsteam, dass die Banken den Banden auch das Einbringen des Sprengstoffs erschweren. Das ginge zum Beispiel durch einen Einbau im Kabelkanal. Außerdem machen sich die Präventionsbeamten für Farbpatronen in den Geräten stark, die die Beute unbrauchbar machen.

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