Kriminalität in New York Die Rückkehr der Gesetzlosigkeit

Von Sebastian Moll 

Jahrelang ist in New York die Kriminalität zurückgegangen. Doch jetzt werden die Straßen dort wieder unsicher. Die Polizei spielt das Problem herunter.

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New York - Denise Gay liebte es, an warmen Sommerabenden auf dem Treppenabsatz vor ihrem Haus zu sitzen, es war für sie eine wunderbare Art, sich die Zeit zu vertreiben, wenn es in ihrer Wohnung in Brooklyn zu stickig war. Sie konnte den Kindern beim Spielen auf der Straße zuschauen, und es fand sich immer jemand zum Plaudern, schließlich wohnte die 56 Jahre alte Krankenpflegerin schon ihr Leben lang in der Nachbarschaft.

An diesem 5. September wäre Denise allerdings lieber in der Wohnung geblieben. Denn die idyllische baumbewachsene Allee, an der sie wohnte, verwandelte sich an jenem Abend in ein Schlachtfeld. Es begann mit einem Streit zwischen zwei jungen Männern, die rasch zu einer Schlägerei ausartete. Dann zog der eine, der 32 Jahre alte Daniel Webster, eine Pistole und schoss den anderen nieder.

Insgesamt 90 Schüsse

Nur Minuten später traf die Polizei ein, doch ihre Ankunft machte die Dinge nur noch schlimmer. Es fielen insgesamt 90 Schüsse. Am Ende war Webster tot, ein Beamter schwer verletzt, und Denise Gay lag in sich zusammen gesunken auf ihrer Haustreppe. Ein Querschläger hatte sie in den Kopf getroffen, sie war auf der Stelle tot.

Der Zwischenfall war allerdings nicht der einzige an jenem Wochenende, sondern der traurige Höhepunkt einer dreitägigen Gewaltorgie, wie sie New York seit 20 Jahren nicht mehr erlebt hatte. 13 Menschen waren tot und 53 angeschossen. Auf dem gesamten Stadtgebiet war es zu insgesamt 67 Schießereien gekommen.

Blutiges Labor-Day-Wochenende

Die Eruption war eine Peinlichkeit sondersgleichen für den Bürgermeister Michael Bloomberg und seinen Polizeichef Ray Kelly. Seit Bloombergs Vorgänger Rudy Giuliani in den 90er Jahren mit eiserner Hand die Straßen New Yorks aufgeräumt hat, brüstet sich die Stadt damit, zu den sichersten der USA zu gehören. In der Rangliste der kriminellsten Orte des Landes rangiert New York nicht einmal mehr unter den ersten 25. Man konnte in den vergangenen Jahren selbst in ehemaligen Problemgegenden wie Harlem oder der Bronx sorglos im Dunkeln von der U-Bahn nach Hause laufen.

Doch das blutige Labor-Day-Wochenende fühlte sich für viele New Yorker an wie ein Rückfall in alte Zeiten an. Bis in die frühen 90er Jahre war New York eines der heißesten Pflaster Amerikas. Man rechnete überall und ständig damit, überfallen zu werden, kaum einem Manhattaner blieb es erspart, einmal in einer dunklen Gasse seinen Geldbeutel an einen bewaffneten Räuber abgeben zu müssen. Bestimmte Viertel waren Tabuzonen, wem sein Leben lieb war, vermied es, mit der U-Bahn über die 125. Straße hinaus oder all zu tief nach Brooklyn hineinzufahren. Im Rekordjahr 1990 wurden 2245 Menschen umgebracht.

Giuliani setzte dieser Gesetzlosigkeit seine berüchtigte "Null Toleranz"-Politik entgegen. Schon der geringste Verstoß gegen die Grundregeln des öffentlichen Anstands wurden mit herbem Bußgeld geahndet - Graffiti, öffentliches Urinieren oder Abfallentsorgung auf der Straße. Zusätzlich führte sein heute legendärer Polizeichef Bill Bratton ein computergestütztes System der Verbrechensbekämpfung ein, mit dessen Hilfe die Herde der Gewalt auf dem Stadtplan exakt lokalisiert und die jeweiligen Polizeireviere entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden konnten.