Darüber hinaus geht es um viele andere, teils weit schwerere Delikte. Sechs Verdächtige sind derzeit in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hat sie unter anderem wegen Raub, Körperverletzung, Nötigung, Waffen- und Drogenvergehen angeklagt. „Das sind nicht die typischen Flüchtlinge, die in der Stadt offiziell untergebracht und größtenteils unauffällig sind“, sagt Norbert Schätzle, der Sprecher des Polizeipräsidiums Mannheim. „Diese Gruppen sind hochkriminell. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Diebstählen, manche von ihnen haben bis zu sechs verschiedene Identitäten.“
Die Probleme hat der Polizeipräsident Thomas Köber erstmals im Herbst im Sicherheitsausschuss des Gemeinderats zur Sprache gebracht. Anfang Dezember ist dann durch einen Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ bekannt geworden, dass der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) bereits Ende Oktober eine Art Hilferuf an den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl(CDU) adressiert hat. Seither ist das Thema in den Schlagzeilen. „Bei dieser Gruppe besteht keinerlei Mitwirkungsbereitschaft oder Interesse an einer Integration. Gesetze, Verordnungen werden hemmungslos gebrochen und die Hausordnungen der Einrichtungen vollkommen ignoriert“, hat Kurz in seinem Schreiben geklagt und vom Land gefordert, diese Jugendlichen kurzfristig in einer geschlossenen Einrichtung unterzubringen.
An einem Schulbesuch haben die Straftäter kein Interesse
Nach Angaben der Polizei gehen die jungen Straftäter bevorzugt mit gestohlenen Rädern auf Tour. Wenn die Beamten sie aufgreifen, müssen sie sie dem Jugendamt übergeben, das sie vorläufig in Obhut nimmt. Doch länger als eine Nacht bleiben die Jugendlichen dort selten. „Die nehmen zwar erst mal das Dach über dem Kopf, aber am nächsten Morgen sind sie wieder fort“, erklärt Peter Schäfer, der kommissarische Leiter des Mannheimer Jugendamts. An behördlicher Betreuung, gar einem Schulbesuch, hätten sie keinerlei Interesse.
Auch Versuche, sie in die Städte zu bringen, denen sie nach dem amtlichen Verteilerschlüssel für unbegleitete Minderjährige eigentlich zugewiesen sind, scheitern laut der Polizei und der Behörden regelmäßig. „Sie steigen gar nicht in ein Fahrzeug oder werden sogar gegen Begleitpersonen gewalttätig. Dabei bringen sie sich und andere in Gefahr“, sagt Schäfer. „Sie wollen nicht in irgendwelche Kleinstädte, die wollen hier mit ihren Kumpels unterwegs sein“, ergänzt Polizeisprecher Schätzle.
Etwa 100 dieser Jugendlichen hat die Polizei in Mannheim seit 2015 gezählt. Die meisten von ihnen stammen aus Marokko und haben schon längere Zeit in Spanien und Frankreich gelebt – meist auf der Straße. „Sie kommen in kleinen Gruppen, bleiben ein paar Monate und sind dann wieder weg. Sie haben nie eine Schule besucht und waren wohl von jeher kriminell“, erklärt Schätzle. „Momentan haben wir zehn bis 15 dieser jungen Leute in der Stadt, wo genau sie sich aufhalten, weiß niemand.“ Angefangen haben die Probleme vor zwei Jahren im Stadtteil Seckenheim, wo am Stadtrand und in einer ehemaligen Kaserne zwei der Einrichtungen liegen, in denen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht sind.
Besuche von Journalisten hat die Stadt abgelehnt. Auch der Heimleiter wollte ohne amtliche Zustimmung keine weiteren Auskünfte geben. „Sämtliche Angebote, die wir machen, werden abgelehnt. Es kommt immer wieder zu Drohungen gegenüber Mitarbeitern und Mitbewohnern, auch Einrichtungen und Mobiliar wurden schon zerstört“, berichtet eine Sprecherin des Jugendamts. „Es ist schlimm, was da alles passiert. So etwas hat es hier früher nicht gegeben“, sagt ein Stadtrat. „Aber man will nicht allzu viel darüber reden, sonst kommt am Ende der ganze Stadtteil in Verruf.“
Auch Mitarbeiter und Mitbewohner werden bedroht
Sechs der Jugendlichen sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Anklagen fertig. Große Hoffnungen hingegen, dass im Land rasch eine geschlossene Einrichtung für integrationsunwillige Problemfälle aufgebaut wird, hat das Innenministerium der Stadt bisher nicht gemacht. „An Unterstützung der Polizei und des Ministeriums bei der Beseitigung der skandalösen Mannheimer Zustände wird es garantiert nicht fehlen“, erklärt der Minister auf Anfrage. Wie sie konkret aussehen soll, ließ er jedoch offen. An diesem Freitag gibt es ein Arbeitstreffen im Sozialministerium zu diesem Thema, an dem Vertreter aus Mannheim teilnehmen.