Krimitipp: „Der Fall Alice im Wunderland“ Eine Meuchelei nach der anderen

Von Georg Patzer 

Was steht in der Notiz von Mrs. Liddell? Guillermo Martínez greift auf spannende und vergnügliche Weise mit „Der Fall Alice im Wunderland“ die Tradition der Oxford-Krimis wieder auf.

Guillermo Martínez Foto: Alejandra Lopez
Guillermo Martínez Foto: Alejandra Lopez

Stuttgart - „Sind Sie sich im Klaren darüber, dass wir nie die Polizei hätten rufen dürfen? Dass Hinch und Anderson deshalb gestorben sind? Ist Ihnen bewusst, dass wieder einmal, wieder einmal …?“ Er bricht ab, ringt um Fassung: „Ich möchte nicht, dass Sie sich auch noch damit quälen, denn es war alles meine Schuld. Die Schuld dieses Fluches, der auf mir liegt. Vielleicht hätte eher ich daran denken sollen, mich umzubringen.“ Und dann bittet er Guillermo, sofort abzureisen: „Ich habe bereits eine Studentin verloren, ich möchte nicht, dass Ihnen auch noch etwas zustößt.“

Das ist das Ende eines Falls, über den der argentinische Mathematikstudent mit dem für Engländer schier unaussprechlichen Namen Guillermo Martínez gestolpert ist. Er studiert in Oxford bei dem Logik-Professor Arthur Seldom, der Mitglied in einer ehrwürdigen Gesellschaft ist, der Lewis-Carroll-Bruderschaft. Aber dann passiert etwas Unerhörtes: Die Studentin Kristen entdeckt in einem Archiv eine verschollene Seite aus dem Tagebuch von Lewis Carroll, eine Seite, die herausgerissen wurde – was sie für die Forschung nur umso spannender macht.

Kein Vertrauen zum Doktorvater

Natürlich will Kristen den Fund nicht preisgeben: Das ist ihre einmalige Chance, ganz groß rauszukommen, und selbst bei Gelehrten muss man ja aufpassen, dass sie einem die Entdeckungen nicht stehlen. Selbst ihrem Doktorvater vertraut sie sich nicht an, dem schon gar nicht. Aber dann wird sie nachts angefahren, aber überlebt. Ist diese Seite so wichtig, dass jemand einen Mord dafür begeht? Aber das bleibt nicht der einzige Anschlag, nach und nach werden Mitglieder der Gesellschaft und ein Journalist gemeuchelt. Und das Skurrilste ist: Sie werden nach einem Muster begangen, das aus „Alice im Wunderland“ stammt.

Lewis Carroll hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, er lebte von 1832 bis 1898, war von 1855 bis 1892 Mathematiklehrer (Tutor, später Kurator) in Oxford, ein brillanter Mathematiker und einer der ersten, der das neue Medium Fotografie für sich entdeckte: um die 3000 Fotos hat er mit der damals noch sehr umständlichen und aufwendigen Technik gemacht. Berühmt wurde er durch sein Buch „Alice im Wunderland“, berüchtigt, vor allem später, durch die Fotos, die er von den sehr jungen Mädchen seiner Umgebung machte, auch von Alice Liddell, dem Vorbild für seinen Roman. Viele von ihnen posierten für ihn, manche sind verkleidet, und es sind sogar einige wenige Aktfotos dabei. In der viktorianischen Zeit war es allerdings nicht unüblich, dass kleine Kinder als Symbole der Unschuld verklärt wurden, dass ihre Nacktheit nichts Anstößiges hatte – viele haben nackte Kinder fotografiert oder gemalt. Dodgsons Kontakt zu den Mädchen wurde von den Eltern zunächst auch nicht beargwöhnt, bis er 1880 aus unbekannten Gründen mit dem Fotografieren aufhörte. Es ist nicht bekannt, dass er die Mädchen jemals berührt oder ihre Fotos auf andere, sexuelle Weise benutzt habe.

Verleger mit Mordgedanken?

Genau darum kreist der Kriminalroman von Martínez: Kristen hat die Notiz gefunden, die den Inhalt einer wichtigen Seite aus Carrolls Tagebuch wiedergibt. Und die könnte so wichtig sein, dass alle Biografien, alle Aufsätze über Caroll Makulator sind. Die Notiz beginnt mit den Worten: „L.C. erfährt von Mrs. Liddell, dass“ – so viel gibt sie preis. Dummerweise passiert das grade in einer Zeit, als ein neues Carroll-Handbuch erscheinen soll, an dem alle Mitglieder der Lewis-Carroll-Bruderschaft mit Beiträgen beteiligt sind. Wollte also jemand von ihnen sie umbringen, oder der Verleger, weil er mit diesem Sammelband endlich einmal Geld verdient, nachdem er mit den früheren Büchern über Lewis Carroll eher ein Minus erwirtschaftet hat?

Sehr geschickt streut Martínez Spuren in den Roman, z.B. hat der Bentley der alten Dame Josephine eine Beule, und es stellt sich heraus, dass sie früher eine berühmte Rennfahrerin gewesen ist. Und Hinch wird verdächtig, als sich herausstellt, dass er pädophile Fotos im Stil von Lewis Carroll macht und sie bis in hohe Kreise verkauft. Und natürlich sind all diese Spuren falsch, wie sich das für einen guten Krimi gehört.




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