Krimitipp: „Heidefieber“ von Gerhard Henschel Gehöriger Hass auf alle, die schlecht schreiben

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Und so geht es weiter, viele Autoren und Autorinnen werden gemeuchelt, der eine stirbt in einem hohlen Baum, die andere per Panzerfaust in einer Gondel, einem fällt eine Eiche genau auf den Kopf, einer wird von Wölfen zerrissen, einer mit den Originalfolterwerkzeugen, die man bei den Münsteraner Wiedertäufern benutzt hat, gefoltert und ermordet und dann stilecht im Käfig an der Lambertikirche aufbewahrt (er hat historische Krimis geschrieben). Eine lange Liste kommt da zusammen: Da hat wirklich jemand nicht nur genaue Kenntnis von Regionalkrimis, sondern auch einen gehörigen Hass auf alle, die schlecht schreiben – und nach diesem Roman scheinen Regionalkrimiautoren zu deren Spitzenvertretern zu gehören. Bestsellerautoren, trotz mangelnder Qualität, sind sehr viele von ihnen. Als Kommissar Gerold zum Buchhändler Patz sagt, „Das scheint ja ein einträgliches Marktsegment zu sein“, lacht der „so trocken auf, wie er konnte“ und belehrt ihn: „Das ist kein Segment! Die Kunden kaufen praktisch überhaupt keine anderen Bücher mehr! Versuchen Sie mal, denen was von Goethe oder Arno Schmidt schmackhaft zu machen!“ Der ja schließlich auch in der Heide gewohnt und geschrieben hat.

Fulminante und spannende Abrechnung

Gerhard Henschels Roman „Soko Heidefieber“ ist eine fulminante, witzige und zugleich spannende Abrechnung mit den Niederungen dieses Genres (oder dem Genre selbst), und während der naive Rezensent am Anfang noch geglaubt hat, Henschel habe diese fürchterlichen, schwülstigen und kitschigen Zitate erfunden, beschlich ihn nach und nach immer mehr der Verdacht, dass es leider doch Originalausschnitte aus diesen Büchern sind – der Rezensent traut sich nicht, das nachzuprüfen.

Alle kriegen ihr Fett ab: die Vereinsmeierei in der Krimiszene mit ihrer Ellbogen- und Neidmentalität, die „unfähige“ Polizei und nebenbei auch der großspurige Verleger Gerd Haffmans der „weithin bekannt für seine aufopferungsvolle Autorenpflege“ ist – ältere Leser, die ihn und seinen Haffmans Verlag noch kennen, werden die feine Ironie zu schätzen wissen. Am schlimmsten springt Henschel aber mit einem Autorenkollegen um, Frank Schulz, der allerdings tatsächlich ein ernstzunehmender Schriftsteller ist. Henschel hetzt ihn durch die Katastrophen eines Barockromans, mit allem Drum und Dran: Schlägereien, Entführungen, Fluchten, Folter, Verstümmelungen, eine knappe Rettung vor dem Tod durch einen Bären, Sklavenarbeit, Rettung auf ein Schiff, Meuterei, Rettung durch einen Tornado … Schulz‘ Elend beginnt damit, dass er auf einer Lagebesprechung der Polizei sagt: „Wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, dass wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben.“ Was er natürlich angesichts der brutalen Morde so nicht meint. Aber dann kommt, was kommen muss: Das Zitat wird bekannt, aus dem Zusammenhang gerissen, der Autor von sensationsgeilen Journalisten fertiggemacht und eine Jagd auf ihn inszeniert, die ihn nach Griechenland flüchten lässt. Wo dann Henschels barocke Räuberpistole beginnt. Und sie aber nach allem Unbill glücklich für Schulz endet.

Immer knapp am Kolportageroman vorbei

Natürlich gibt es, genretypisch, eine Liebesgeschichte zwischen den beiden Kommissaren, es gibt eine Liebespille, die Ute Fischer am Schluss auf hintersinnige Weise vor Zapps ständigen Nachstellungen bewahrt. Der Autor brilliert mit seinen Kenntnissen, wie man deutsche Dialekte von Plattdeutsch über Schwäbisch bis Bayerisch wiedergibt, und schliddert mit seinen grotesken Einfällen immer knapp an einem Kolportageroman vorbei, den er süffisant vorführt. Es scheint, als habe Henschel beim Schreiben viel Spaß gehabt. Der Leser hat es.

Gerhard Henschel: Soko Heidefieber. Ein Überregionalkrimi. Verlag Hoffmann & Campe, 288 Seite, 18 Euro




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