Kripo Waiblingen über Gefahren im Netz Wenn der Chatpartner plötzlich Nacktbilder will

Die weite Welt des Internets kann für Kinder und Jugendliche, die ein Handy benutzen, zur Gefahr werden – etwa, wenn sich Unbekannte Vertrauen erschleichen. Foto: dpa/Onur Dogman

So spannend ein Smartphone ist, so viele Gefahren und Probleme kann es mit sich bringen. Statt soziale Medien zu verteufeln und alles zu verbieten, sollten Eltern und Kinder zusammenarbeiten, raten zwei Kriminalhauptkommissare. Aber wie?

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Es beginnt mit einer harmlosen digitalen Plauderei. Textnachrichten werden hin und her geschrieben. Der Small Talk tut gut im nervigen Alltag. Doch nach und nach kommen konkrete Forderungen. Das Mädchen soll ein Foto von sich schicken. Dann gleich der nächste Bilderwunsch, jetzt bitte oben ohne. Schicke die Schülerin die Nacktbilder nicht, werde die ganze Schule die Fotos zu sehen bekommen.

 

Jenes Mädchen im Aufklärungsvideo von Europol – der Polizeibehörde der Europäischen Union – hat wohl nicht mit einem Gleichaltrigen gechattet, sondern mit einem Sexualstraftäter, der auf erpresserische Weise an Nacktbilder kommen will.

„Die Schüler haben eine kindliche Neugier und Naivität und hinterfragen oft nicht, wer wirklich hinter einem Chat steckt. Täter machen sich das zunutze und geben sich als jemand anderes aus“, erklärt Marc Gollhofer, Kriminalhauptkommissar in der Polizeidirektion Waiblingen. Er ist dort seit neun Jahren für Jugend- und Sexualdelikte zuständig und hat sich neben der Strafverfolgung auch die Präventionsarbeit auf die Fahne geschrieben. „Ich gehe auch ehrenamtlich zu Elternabenden in Schulen, um über die Gefahren und den Umgang mit Smartphones aufzuklären“, sagt Gollhofer.

Täter nutzen soziale Medien zur Kontaktaufnahme mit Teenagern

Warum er das macht, kann der 50-Jährige schnell beantworten, er erlebe die Auswirkungen in seiner täglichen Arbeit: „Es ist einfach feststellbar, dass Täter bei der Kontaktaufnahme von Kindern und Jugendlichen vermehrt soziale Medien nutzen. Instagram und Messenger-Dienste spielen da eine große Rolle.“ Die Täter würden sich viel Zeit nehmen, denn je länger gechattet wird, desto vertrauter sei der Umgang. „Deshalb muss man sich bei Online-Bekanntschaften immer fragen, wer verbirgt sich wirklich hinter dem Chat“, sagt Marc Gollhofer. Der Umgang mit Smartphones sei oft zu leichtfertig . „Man muss individuell mit dem Kind überlegen, wann ist was erlaubt, und alles engmaschig begleiten.“

Cypercop Daniel Belz kennt Techniken, um das Smartphone sicherer zu machen

Hier kommt Daniel Belz ins Spiel. Er ist Informatiker, ebenfalls Kriminalhauptkommissar und kennt sich als Cybercop sowohl mit den Gefahren im Internet aus als auch damit, mit welchen Einstellungen Eltern diese für ihre Kinder verringern können. „Da gibt es heutzutage viele technische Möglichkeiten, die auch für Laien verständlich und anwendbar sind. In erster Linie ist es eine pädagogische Frage. Die Eltern müssen sich mit der Thematik auseinandersetzen, eine Linie erarbeiten und das Kind begleiten wollen. Dann ist die Technik kein Problem“, sagt Belz. Er fügt gleich hinzu, wie wichtig es sei, keine Verbotspolitik zu betreiben, sondern die Teenager zu begleiten. „Bereits fünf Minuten reichen, dass Kinder Sachen schauen, die sie nicht verarbeitet bekommen.“ Hier gelte es, Abgrenzung zu lernen, sagt Belz, der in Vorträgen Eltern Mut machen will und auch zu bewusst analogen Zeiten auffordert. „Handyfreie Zonen, Spieleabende, ein Mediennutzungsvertrag, all das kann helfen.“

Sein Kollege Marc Gollhofer wird in seinem Beruf auch immer wieder mit der Problematik konfrontiert, dass Kinder und Jugendliche im Netz die Liebe ihres Lebens kennen lernen. „Kinder leben Beziehungen auch online. Da werden sexuelle Dialoge geführt. Wenn dann sexuelle Bilder ausgetauscht werden, kann es sehr riskant werden“, sagt der 50-Jährige.

So mache sich ein 14-Jähriger – per Gesetz bereits Jugendlicher – der mit einer 13-Jährigen – per Gesetz noch ein Kind – anzügliche pornografische Bilder austausche, strafbar, womöglich ohne es zu wissen. „Auch Eltern ahnen unter Umständen nichts von der Tragweite solcher Handlungen, die schnell in Richtung Kinderpornografie und sexueller Missbrauch gehen können.“

Lande so ein Bild im Klassenchat und damit in der Galerie aller Teilnehmer, seien diese alle im Besitz von Kinderpornografie. „Wer das womöglich im Schock der Lehrerin weiterleiten will, damit sie Bescheid weiß, läuft Gefahr, sich auch noch wegen der Verbreitung strafbar zu machen.“ Doch wie verhalten sich Eltern und Kinder richtig? Wichtig ist laut Gollhofer, dass auf so ein Foto auf keinen Fall mit befürwortendem Kommentar reagiert wird. „Man muss klar den entgegenstehenden Besitzwillen ausdrücken.“

Die Polizei könne jederzeit eingeschaltet werden, sagt Gollhofer

Wie darüber hinaus in einem akuten Fall verfahren werde, darüber müsse sich jede Familie ihre eigenen Gedanken machen. Marc Gollhofer verweist darauf, dass jederzeit die Polizei eingeschaltet werden könne, gibt aber zu Bedenken, dass diese einen Strafverfolgungszwang habe. Manchmal lasse sich so ein Vorfall, wenn noch nichts Schlimmeres passiert sei, vielleicht auch rein pädagogisch aufarbeiten. „Man muss immer berücksichtigen, dass das Kind einem Vertrauen schenkt, wenn es von so etwas berichtet. Unter Umständen wird dieses Vertrauen zerstört, wenn man direkt ein großes Fass aufmacht.“ Anders verhalte es sich, wenn sich der 14-jährige Max aus einem Chat plötzlich als 58-jähriger Peter entpuppe. „Dann heißt es, die Nachrichten nicht löschen, sondern Screenshots machen und dann in jedem Fall direkt ab zur Polizei.“

Statt Verboten und Drohungen solle mit den Kids zusammengearbeitet werden

Wichtiger als zu drohen oder mit Verboten zu arbeiten sei es – da sind sich Gollhofer und Belz einig – im Austausch zu bleiben und den Umgang mit dem Smartphone zu erarbeiten. „Wenn bestimmte Seiten und Dienste gesperrt sind und es auch strenge Zeitfenster gibt, kann man das nach einer Weile überprüfen. Klappt alles gut, können die Zügel etwas gelockert werden“, sagt Belz. Er betont die Wichtigkeit von persönlichen Gesprächen mit den Kindern. Wie Marc Gollhofer ist er nicht nur Polizist, sondern auch Vater und weiß um die Tücken und Gefahren bei dem Thema mit den Kids. „Unsere Aufgabe ist es, die Kinder zu begleiten und zu beschützen“, sagt Belz und Gollhofer ergänzt: „Sie müssen trainieren, genau zu überdenken, was sie digital von sich Preis geben.“

Es gelte, früh das Gespräch zu suchen, sagt Gollhofer. Und zwar „vernünftig und ohne Angst zu machen“.

Hilfe im Netz: Auf der Internetseite https://www.schutz-vor-schmutz.de , die Belz betreut, sowie unter www.klicksafe.de gibt es einen Überblick zum Thema und hilfreiche Tipps.

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