Ein spürbarer Mangel an Stadtbahnfahrern hat in den vergangenen Wochen den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) zunehmend den Fahrplan verhagelt. Das ÖPNV-Unternehmen, welches das Problem bisher gegenüber den Fahrgästen nicht offen kommuniziert hat, ist nun gezwungen zu reagieren: Von diesem Dienstag bis zum 30. Juli wird der Fahrplan ausgedünnt. Kunden müssen also vor der Fahrt auf die Fahrplanauskunft im Internet zurückgreifen oder auf den elektronischen Fahrtenanzeiger am Bahnsteig schauen, um zu wissen, ob einzelne Fahrten ausfallen.
Ausfälle sollen wenigstens planbar sein
Die Ausfälle werden zwar im Voraus feststehen, aber offenbar nicht systematisch sein – etwa im Sinne einer Taktausdünnung. Die gedruckten Haltestellenfahrpläne stimmen in diesem Zeitraum nicht mehr. „Ziel ist, mit geplanten, vorhersehbaren Reduzierungen den Fahrgästen einen verlässlichen Fahrplan anzubieten“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.
Auf zahlreichen Strecken sind immer wieder ungeplant Fahrten ausgefallen, weil für die entsprechenden Kurse kein Fahrer mehr bereitstand. Laut SSB vor allem deshalb, weil wegen der S-Bahn-Sperrung zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen eine Sonderlinie U 21 zwischen Fellbach und Vogelsang eingerichtet wurde, die offenbar die vorhandenen Kapazitäten überfordert. Dazu kommen laut SSB die Sperrung der Rosensteinbrücke und weitere Baustellen.
Bisherige Einschränkungen reichen nicht
Die zum Ausgleich schon seit Ende Mai geltenden und bis zum 28. Juli terminierten Einschränkungen reichen offenbar nicht aus. Schon bisher entfällt die U 19 zwischen Neugereut und Neckarpark, die U 16 verkürzt ihren Fahrtweg auf die Strecke Giebel–Neugereut anstatt nach Fellbach. Und die U 34 zwischen Vogelsang und Südheimer Platz fährt nur an den Wochenenden.
Nun soll auch die U 16 vom 31. Juli bis zum Ende der Sommerferien am 9. September komplett eingestellt werden. Die Betriebspause für die U 19 wird bis zum Ende der Sommerferien verlängert. Da wegen Bauarbeiten fast während der gesamten Ferien zwischen 27. Juli und 24. August die Strecke der U 7, U 8 und U 15 zwischen Ruhbank und Heumaden nicht befahren werden kann, dürfte dies die Personalsituation bei den Stadtbahnfahrern ebenfalls entlasten.
Zahlreiche Beschwerden von Fahrgästen
Unsere Zeitung haben über den unzuverlässig gewordenen Betrieb immer mehr Beschwerden erreicht. So berichtet beispielsweise eine regelmäßige Nutzerin der U 2 und U 19 mit Wohnort Sommerrain, dass immer wieder ungeplant Bahnen ausgefallen sind: „X-mal komme ich an und die Anzeige zeigt an, dass die nächste Bahn in 20 oder 30 Minuten kommt – ohne jede Erklärung, ohne Ansage, ohne Band. Sie fährt einfach nicht.“
Auch mehrere SSB-Insider, die anonym bleiben wollen, sprechen gegenüber unserer Zeitung von teils chaotischen Zuständen: „So müssen Züge entlang der Strecke abgestellt werden, wenn der Ablöser fehlt. Oder der Zug rückt in den Betriebshof ein, wenn in den Abstellanlagen auf der Strecke kein Platz mehr ist“, sagt ein Stadtbahnfahrer. Die Abstellanlagen in Möhringen, an der Peregrinastraße, an der Waldau, am Killesberg, in Gerlingen und am Pragfriedhof seien deshalb immer gut gefüllt gewesen.
Fahrer als Leidtragende
Angesichts der bisher intransparenten Informationspolitik seien die Fahrer oft die Leidtragenden gewesen, sagt der Fahrer: „Die Empörung kann ich nachvollziehen. Jedoch muss das Unternehmen dafür sorgen, dass die Fahrer aus der Schusslinie genommen werden.“ Das gehe nur mit einem von vornherein ehrlichen Fahrplan. Ein weiterer SSB-Insider sprach vor der aktuellen Mitteilung von einer desaströsen Informationspolitik: „Die SSB-intern bekannten Fahrtausfälle wegen Personalmangel werden nicht nach außen kommuniziert – und Fahrgäste stehen ohne jede Info da.“