Krise der Uniklinik Heidelberg Affäre um Krebstest zieht massive Konsequenzen nach sich
Ein Bluttest auf Brustkrebs, der zu früh als Sensation angepriesen wurde, hat die Uniklinik Heidelberg erschüttert. Sie kämpft um ihre Glaubwürdigkeit.
Ein Bluttest auf Brustkrebs, der zu früh als Sensation angepriesen wurde, hat die Uniklinik Heidelberg erschüttert. Sie kämpft um ihre Glaubwürdigkeit.
Stuttgart - An jenem Tag im Februar, als die „Bild“-Zeitung ihn für eine „Weltsensation“ feiert, wirkt Christof Sohn alles andere als stolz. Nichts erinnert mehr an die Superheldenpose, in der er sich von dem Boulevardblatt zusammen mit zwei Kolleginnen einige Tage zuvor ablichten lassen hat. Bei seiner Pressekonferenz am Rande eines Gynäkologenkongresses in Düsseldorf, bis heute dokumentiert in Internetvideos, gibt sich der Chef der Heidelberger Universitätsfrauenklinik demütig und defensiv.
Geduldig erklärt Sohn (58) den Journalisten, was es mit dem neu entwickelten Bluttest auf Brustkrebs auf sich hat: „Wir untersuchen Botenstoffe, die von dem Tumor, der wächst, ausgehen und ins Blut abgegeben werden.“ Nicht einzelne dieser Marker, sondern eine „Vielzahl von Parametern“ erlaube dann Rückschlüsse auf eine mögliche Erkrankung. Vieles relativiert der Medizinprofessor, wie seine neben ihm sitzende Kollegin Sarah Schott vermeidet er jedes Triumphieren. Gesund oder krank – da bleibe immer eine „Unschärfe“, mit der man umgehen müsse.
Tausende von Untersuchungen habe man schon gemacht, aber „die Studien werden nicht aufhören“. Der Schritt an die Öffentlichkeit sei erst „der Beginn einer langen Phase“. Und natürlich stünden nicht nur er und Schott hinter dem Bluttest, sondern „eine ganze Mannschaft“. Sohn wählt seine Worte mit Bedacht, er präsentiert sich als ein Arzt, dem seine Verantwortung bewusst ist. „Wir wollen ganz akkurat mit diesem Test umgehen“, versichert er fast feierlich, als die skeptischen Nachfragen nicht abreißen. Man dürfe schließlich keine „Hoffnungen erwecken, die wir nachher nicht halten können“.
Es war ein Satz, der wie ein Bumerang zu ihm zurückkehrte. Genau das nämlich ist der Vorwurf, der Sohn seit der PR-Offensive gemacht wird – und der das international renommierte Universitätsklinikum Heidelberg in eine schwere Krise gestürzt hat. Denn die Ankündigung, der Bluttest werde schon im Herbst marktreif sein, war offenkundig unhaltbar. Als aussichtsreich gilt das Verfahren allemal, das von einer eigens gegründeten Firma namens Heiscreen vermarktet werden sollte, aber noch nicht als ausgereift genug. Unvertretbar hoch, sagen Experten, sei bisher die Fehlerquote: Bei einem Drittel der tatsächlich erkrankten Frauen werde der Brustkrebs nicht erkannt, bei einem Drittel der gesunden falscher Alarm gegeben.
Wie konnte der Bluttest trotzdem schon jetzt als „Meilenstein“ und „revolutionär“ angepriesen werden? Und das, obwohl die erforderlichen wissenschaftlichen Studien und Publikationen noch ausstehen? Diese Frage beschäftigt die Uniklinik nun bereits seit einigen Monaten.
Bisher gibt es darauf nur vorläufige Antworten, wie jene des Leiters einer vom Aufsichtsrat eingesetzten externen Kommission. „Führungsversagen, Machtmissbrauch und Eitelkeit“ nannte der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, Mitte Juli in einer Zwischenbilanz als Ursachen. Hinzu kämen außerdem falsch verstandene Wissenschaftsfreiheit und mangelnde Professionalität. Der Abschlussbericht des Gremiums steht noch aus, ebenso wie das Ergebnis der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Doch schon die bisherigen Befunde waren so gravierend, dass bald die lange erwarteten personellen Konsequenzen begannen.
Als Erster erklärte der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn, seinen sofortigen Rücktritt. Sein Handeln sei „zum Gegenstand offizieller Untersuchungen geworden und wird in Teilen der Öffentlichkeit anhaltend kritisch diskutiert“, begründete Draguhn den Schritt. Dafür übernehme er die Verantwortung. Dem Mediziner wird angekreidet, dass er Sohn und der Firma Heiscreen persönlich erlaubt habe, das offizielle Unisiegel für ihre PR-Kampagne zu nutzen. Auch über das „Bild“-Interview des Professors soll er sich angetan geäußert haben.
Wenige Tage später folgte die weibliche Doppelspitze des Klinikums: Die Vorstandsvorsitzende Annette Grüters-Kieslich, erst vor gut zwei Jahren aus Berlin gekommen, kündigte ihren Rückzug für Oktober an. Die Kaufmännische Direktorin Irmtraut Gürkan, in 16 Amtsjahren zu einer landesweit respektierten Instanz geworden, trat bereits Ende Juli ab. Damit ermöglichten sie der Klinik den nötigen Neuanfang, hieß es offiziell. „Wir haben als Vorstand besonders in der Krise nicht konzertiert genug agiert“, bedauerte Grüters-Kieslich. Ein „schlichtes Weiter-so“ dürfe es daher nicht geben.
Gürkan empfahl zum Abschied, Strukturen und Prozesse müssten „deutlicher definiert“ werden, besonders bei Tochterfirmen und Ausgründungen. Das zielte auf jene Gesellschaft, die den Technologietransfer in Heidelberg organisieren soll – und in der Heiscreen-Affäre selbst eine undurchsichtige Rolle spielte.
Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) reagierte „mit Respekt“ auf die Rücktritte; nun gelte es, das Klinikum „gut für die Zukunft aufzustellen“. Ebenso wie ihre Abteilungsleiterin Simone Schwanitz, die den Aufsichtsrat in Heidelberg leitet, thematisierte sie die noch ausstehenden Konsequenzen – nämlich bei jenem, der die „Hauptverantwortung“ für die Affäre trage. Gemeint ist Frauenklinikchef Christof Sohn, dessen Rolle die externe Kommission in den Mittelpunkt stellte.
Nicht erst mit der PR-Kampagne begann für sie die Affäre, sondern schon deutlich vorher – mit dem Ausscheiden der ersten Projektleiterin und der Auswahl des Investors. Ohne triftigen Grund sei auf Sohns Betreiben die Chinesin Rongxi Yang als Leiterin der Mammascreen-Arbeitsgruppe abgelöst worden. Für das Projekt habe das einen doppelten Verlust bedeutet: an Wissen – Yang arbeitet inzwischen in China – und an Geld, denn die Förderung durch ein Bundesprogramm war an ihre Person gebunden.
Ihre Nachfolgerin wurde die Professorin Schott, die die hohe Trefferquote Yangs offenbar nicht reproduzieren konnte. Kurzfristig soll Schott noch auf eine Absage der Pressekonferenz gedrungen haben, aber ohne Erfolg; das sei nun nicht mehr möglich, hieß es. Auf dem Video von dem Auftritt in Düsseldorf wirkt sie entsprechend angespannt. Die Kommission hält ihr zugute, dass sie Sohn „hierarchisch untergeordnet“ war und wiederholt Bedenken vorgebracht habe.
Der Frauenklinikchef war es nach dem Zwischenbericht auch, der sich vehement für einen fachfremden Investor einsetzte: den Immobilienunternehmer Jürgen Harder, einen guten Bekannten Sohns. Dabei habe es durchaus Alternativen zu ihm gegeben. Verwundert wird in einer internen Chronologie des Klinikums festgehalten, dass Jürgen Harder eine Beteiligung des High-Tech-Gründerfonds des Wirtschaftsministeriums abgelehnt habe; dabei gelte diese wegen der strengen Prüfung eigentlich als „Gütesiegel“. Wie andere Beteiligte auch äußert sich der Unternehmer derzeit nicht.
Der Vertrag mit Harder wirft für die Kommission weitere Fragen auf. Darin wurde ihm eine hundertprozentige Trefferquote bei dem Bluttest garantiert, die damals schon längst nicht mehr galt; der Wert stammte offenbar aus alten Unterlagen. Als der Unternehmer das realisierte, soll er höchst verschnupft reagiert haben – durchaus „nachvollziehbar“ für die Prüfer. Die Sorge vor hohen Schadenersatzforderungen gilt als mögliche Erklärung für manche Aktivität, die in der Folge entfaltet wurde. So klar viele Abläufe inzwischen rekonstruiert sind, so rätselhaft erscheinen weiterhin die Motive dahinter. Eitelkeit alleine, meinen Insider, greife als Diagnose zu kurz.
Christof Sohn könnte das bisherige Bild der Affäre sicher in mancherlei Hinsicht vervollständigen. Für seinen „naiven Umgang mit der Presse“ soll er sich intern entschuldigt haben. Öffentlich äußert er sich seit Monaten nicht mehr. Als Beamter sei ihm dies verwehrt, teilt er mit. So bleibt auch die jüngste Nachricht unkommentiert, die Uni habe ein dreimonatiges Lehr- und Forschungsverbot gegen ihn verhängt. Seine Patientinnen, aus deren Kreis man viel Lob für ihn hört, dürfe er aber weiter versorgen.