Kritik an Jagdverband in Baden-Württemberg Jagdschein nach politischer Gesinnung?

Der frühe Jäger ist des Hasen Tod. Foto: imago/alimdi/ 

Immer mehr Interessenten streben den Jagdschein an, gleichzeitig scheitern auch immer mehr Bewerber bei den Prüfungen, teils wegen abstruser Fragen, wie es heißt. Wird absichtlich rausgeprüft?

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Wer in baden-württembergischen Wäldern jagen möchte, muss schon genau wissen, mit welcher Munition er auf welches Wild schießt. Aber diese Patronen sah der Prüfling trotz gewissenhafter Vorbereitung zum ersten Mal. Mit Gummi seien sie überzogen gewesen. „Ich hatte keine Ahnung“, erinnert sich der junge Mann gegenüber unserer Zeitung an diesen ratlosen Moment zurück. Der Prüfer habe seine rechte Freude gehabt, als er ihm mit einem kleinen Tipp auf die Sprünge half: „Damit schießt man auf zweibeiniges Wild“, habe er triumphierend gesagt. „Es handelte sich wohl um Polizeimunition“, weiß der junge Mann inzwischen.

 

Lustig findet er das auch heute noch nicht, zumal er immer noch keinen Jagdschein besitzt. Fünfmal sei er durch die Prüfung gefallen. Immer lag das Problem im mündlichen Teil. Jetzt hat er Klage beim Verwaltungsgericht Stuttgart eingereicht. Zuvor war sein Widerspruch gegen die Wertung der Prüfung abgewiesen worden. Der Leiter der Prüfungsstelle, Martin Bürner – zweiter Mann in der Geschäftsführung des Landesjagdverbands –, hatte ihm das schon am Telefon prophezeit. Er stehe voll und ganz hinter seinen Prüfern. „Sie können natürlich Widerspruch einlegen, aber ich werde ihn zurückweisen“, soll er sinngemäß gesagt haben.

Die Widerspruchsstelle lehnt ab

Ob das Zitat wirklich so gefallen ist, ist strittig. Fest steht, dass laut Landesjagdverband im vergangenen Jahr von 24 Widersprüchen kein einziger Erfolg hatte. Acht wurden abgewiesen, die restlichen seien „nach Einsicht in die Prüfungsunterlagen oder nach Stellungnahmen der Prüfungsausschüsse von den Prüflingen zurückgenommen“ worden, teilt der Jagdverband mit. Ob dies Ausweis der hohen Qualität der Prüfungen ist oder lediglich zeigt, dass die Widerspruchsstelle nur pro forma existiert, ist Ansichtssache. Richtig ist allerdings, dass Kenntnisse über Gummigeschosse nicht vorausgesetzt werden. Solche Munition sei „nicht explizit im Ausbildungsplan genannt“, bestätigt der Jagdverband.

Die Jägerprüfung ist eine hoheitliche Aufgabe. Das Forstministerium hat damit den Landesjagdverband betraut. Die Konstruktion ist ins Gerede gekommen, nachdem bekannt wurde, dass ausgerechnet Bürner und damit der oberste Prüfer des Landes Vorstandsmitglied bei der AfD im Kreis Hohenlohe/Schwäbisch Hall ist. Auch Teile der Landespolitik reagierten irritiert. Die Grünen träten für die Entwaffnung von Extremisten ein, sagte deren Sprecher für Tourismus, Wald und Wild, Reinhold Pix gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Dazu passe es nicht, ausgerechnet einem Funktionär der AfD, die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführt werde, eine solche Aufgabe zu übertragen. Auf die Prüfungspraxis habe das aber wohl keine Auswirkung. Dafür gebe es ja klare gesetzliche Vorgaben.

Das Trachtenhemd ist für fertige Jäger reserviert

Doch womöglich spielt Politik trotzdem eine gewisse Rolle. Das zumindest glaubt der junge Prüfling. Ihm sei von seinem Jagdlehrer jedenfalls eingeschärft worden, nicht zu alternativ aufzutreten. Neutrale Kleidung sei am besten. Wer wie ein Grüner aussehe, habe es schwer. Aber auch ein zu traditionelles Outfit könne einem übel genommen werden. Viele Prüfer seien der Ansicht, ein Trachtenhemd stehe nur fertigen Jägern zu. Zudem solle man politische Bemerkungen meiden und vor allem nicht über den Wolf diskutieren.

Betrachtet man die offizielle Prüfungsstatistik des Jagdverbands, fällt auf, dass das Interesse am „Jägerabitur“ deutlich angestiegen ist – im Jahr 2022 auf fast 4000 –, gleichzeitig aber auch immer mehr Bewerber nicht bestanden. Schwankte die Durchfallquote in Baden-Württemberg bis vor fünf Jahren um die 20 Prozent, hat sie sich seither fast verdoppelt. Dabei wird immer wieder die mündliche Prüfung den angehenden Jägern zum Verhängnis wird. Beim Schießen scheitern nur wenige, beim nach objektiven Kriterien zu beurteilenden schriftlichen Teil fast niemand.

Jagdschulen wandern ab

Mehrere große Jagdschulen haben deshalb Baden-Württemberg zuletzt sogar den Rücken gekehrt und organisieren die Prüfungen ihrer Schüler nur noch in anderen Bundesländern. Private Jagdschulen seien nicht gern gesehen, sagt die Inhaberin einer Jagdschule aus dem Großraum Stuttgart, die fürs Bestehen sogar eine Geld-zurück-Garantie gibt, ihre Schüler zur Prüfung aber inzwischen nach Bayern schickt. Offenbar werde man als Konkurrenz zu den Kreisjägervereinigungen empfunden, die ebenfalls Kurse anböten. „Das ist hier ein Rausprüfen, es werden Fragen gestellt, die absoluter Blödsinn sind. Wir machen das nicht mehr mit“, sagt sie gegenüber unserer Zeitung. Eine andere große Jagdschule im Osten von Württemberg geht mit ihren Schülern sogar nach Niedersachsen.

„Bei uns läuft alles rund“, meint hingegen ein Jagdschulbetreiber aus Nordbaden. Wer „eher geringwertig“ ausbilde, habe eben auch eine geringere Erfolgsquote bei den Prüfungen, meint ein anderer. Kleinere Jagdschulen wollen sich nicht äußern. Das sei ein sehr heikles Thema, meint einer.

Der Jagdverband erklärt, es stünde jeder Ausbildungsstätte frei, Prüfungen anderswo zu organisieren, „genauso wie anerkannte Jagdschulen von anderen Bundesländern in Baden-Württemberg geprüft“ würden. Letztlich müssten die Prüflinge sich aber selbst anmelden. Zwei Klagen von Durchgefallenen aus dem Jahr 2022 seien gegenwärtig beim Verwaltungsgericht anhängig. Eine dritte wurde bereits abgewiesen.

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